|
26.09.2026 10:00 Uhr
Kubas Wirtschaft ist 2025 nach Schätzungen der Universität Havanna um rund fünf Prozent geschrumpft. Es ist das dritte Rezessionsjahr in Folge, seit 2020 summiert sich der Rückgang auf mehr als 15 Prozent.
Abbildung: Straßenszene im Zentrum Havannas (Archivbild). Kubas Wirtschaft ist seit 2020 um mehr als 15 Prozent. Foto: Matias Garabedian, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Kubas Wirtschaftsleistung ist 2025 um rund fünf Prozent zurückgegangen. Das geht aus Schätzungen des Centro de Estudios de la Economía Cubana (CEEC) hervor, die das an die Universität Havanna angebundene Forschungsinstitut am Freitag in Havanna vorgestellt hat. Damit sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) das dritte Jahr in Folge gesunken. Zwischen 2020 und 2025 summiere sich der Rückgang auf mehr als 15 Prozent. Die neue, fünfte Ausgabe des halbjährlichen Wirtschaftsberichts deckt das erste Halbjahr 2026 ab. Die vorige Ausgabe hatte das CEEC im Februar gemeinsam mit der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) herausgegeben.
Die Autoren sprechen von der schwersten wirtschaftlichen Verschlechterung seit drei Jahrzehnten. Nach Darstellung der kubanischen Staatspresse stellten sie bei der Vorstellung vor allem die seit Januar verschärften US-Sanktionen in den Vordergrund. Diese träfen Energie, Handel, Tourismus, Investitionen und Finanzen zugleich. Der Bericht benennt allerdings auch hausgemachte Ursachen. Diagnose: Mehrfachkrise Die Ökonomen des CEEC sprechen von einer „Mehrfachkrise, makroökonomischen Ungleichgewichten und hoher Inflation“. Hinter dieser Formel stehen Probleme, die sich gegenseitig verstärken. Der Staat verfüge über immer weniger eigene Mittel, um gegenzusteuern, und sei zunehmend auf Geld aus dem Ausland angewiesen. Zugleich verliere das Land durch Emigration Arbeitskräfte, während Armut und soziale Unterschiede wüchsen. Mittelfristige Entwicklungsziele rückten damit in weite Ferne. Das Institut führt den Rückgang des Jahres 2025 auf mehrere Faktoren zurück. Die Einnahmen aus dem Export von Waren und Dienstleistungen seien gesunken, der Tourismus sei im Jahresvergleich deutlich eingebrochen. Als wichtigste Bremse nennt der Bericht die Energiekrise: Die Stromerzeugung sei gegenüber 2024 um 13,7 Prozent zurückgegangen und habe die übrigen Sektoren mit nach unten gezogen. Auch im Inneren sieht das Institut Versäumnisse. Überfällige Reformen im produktiven Sektor seien liegen geblieben, die Staatsbetriebe hätten sich strukturell kaum verändert und zuletzt weniger umgesetzt und verdient. Wer im Staatsdienst arbeite, könne sich trotz Lohnerhöhungen immer weniger leisten, weil die Preise schneller stiegen als die Einkommen. Energie als zentraler Engpass Seit Jahresbeginn hat sich die Stromversorgung weiter verschlechtert. Im Januar 2026 schränkten die USA per Exekutivanordnung Öllieferungen an Kuba ein und drohten Drittstaaten mit Strafzöllen. Havanna spricht von einer „Ölblockade“. Mexiko stellte seine Lieferungen ein, venezolanisches Öl kommt seit der US-Intervention in Venezuela nicht mehr an. Nach Schätzungen benötigt Kuba gut 100.000 Barrel Öl pro Tag, fördert selbst aber nur rund 40.000. Die Folgen zeigen sich im Stromnetz. Am 18. September brach das nationale Netz erneut vollständig zusammen.. Nach Angaben des Ministeriums für Energie und Bergbau (Minem) war es der achte landesweite Blackout in diesem Jahr. Die Regierung räumt ein, dass neben dem Ölmangel auch der veraltete Kraftwerkspark die Krise verschärft. Nach Einschätzung des CEEC fehlen seit Jahren Investitionen in das Stromsystem. Privatsektor als Puffer Gegenläufig entwickelt sich der private Sektor. Nach Berechnungen des CEEC stammen inzwischen rund 29 Prozent der Steuereinnahmen von kleinen und mittleren Privatunternehmen (Mipymes) und anderen privaten Akteuren. Ohne private Händler wäre die Versorgung mit Konsumgütern deutlich schlechter. Für den Großteil der Bevölkerung seien deren Angebote allerdings kaum bezahlbar. In seiner vorigen Ausgabe im Februar hatte das CEEC festgestellt, dass sich die Gründung neuer Mipymes verlangsamt habe. Die Ölblockade traf auch diesen Sektor: Einer Umfrage der kubanischen Beratungsfirma Auge zufolge meldeten schon einen Monat nach Beginn der Lieferstopps 78 Prozent der Mipymes Umsatzrückgänge. Reformpaket noch nicht berücksichtigt Das Reformpaket mit 176 Einzelmaßnahmen, das die Regierung im Juni verabschiedet hat, fließt in den Bericht nicht ein. Die Maßnahmen sollen die Wirtschaft dezentralisieren und liberalisieren. Die Autoren sehen das Hauptrisiko in einer Lücke zwischen Konzeption und Umsetzung. Nach Regierungsangaben sind inzwischen 134 der 176 Maßnahmen rechtlich unterlegt. Wirksam werden sie jedoch erst mit ihrer Veröffentlichung im Amtsblatt. Staatspräsident Miguel Díaz-Canel hat dem Privatsektor eine Beteiligung an den Reformen in Aussicht gestellt. Auch die CEPAL (Comisión Económica para América Latina y el Caribe), die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik) hatte zuletzt davor gewarnt, dass anhaltende Unsicherheit Investitionen bremse. Ausblick: 2026 deutlich schlechter Das offizielle Wachstumsziel von einem Prozent für 2026 halten die CEEC-Ökonomen für nicht mehr erreichbar. Die Ölblockade beschädige zentrale Stützen der Wirtschaft, darunter die Versorgung mit Vorleistungen, die Auslandsnachfrage, Transport und Logistik, ausländische Investitionen sowie den Zugang zu Zahlungssystemen und Finanzierung. Dass die Reformen ohne ausreichende Energieversorgung kaum greifen können, betonen auch Fachleute außerhalb Kubas. Die CEPAL hat ihre Prognose für Kuba im August drastisch verschärft. Sie rechnet für 2026 nun mit einem Rückgang des BIP um 10,3 Prozent, nachdem sie im April noch von 6,5 Prozent ausgegangen war. Das wäre der stärkste Einbruch in ganz Lateinamerika und der Karibik. Für 2027 prognostiziert die Kommission ein weiteres Minus von 5,1 Prozent. Als Hauptursachen nennt sie den Ausfall der Ölimporte, den Einbruch des Tourismus und die zunehmende finanzielle und logistische Isolation der Insel. Einzelne Ökonomen rechnen mit einem noch stärkeren Einbruch. Der kubanische Wirtschaftswissenschaftler Pedro Monreal hält einen Rückgang für möglich, der den Einbruch von 14,9 Prozent im Jahr 1993 übertrifft, dem schlimmsten Jahr der sogenannten Sonderperiode. Statistisch belegt ist diese Schätzung bislang nicht. Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
Dossiers
Mediathek
Anzeige (M2) Anzeige (G4) Achiv
Archiv
Oktober 2026
|


RSS-Feed