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25.06.2026 07:00 Uhr
Veraltete Waffen, Guerillataktiken, leere Tanks der MiG-Jets: Eine CNN-Analyse zeigt, wie weit Kubas Militär verfallen ist – und warum Havanna seine militärische Schwäche trotzdem öffentlichkeitswirksam inszeniert.
Abbildung: Eine Flugabwehrkanone aus der Sowjetzeit wird während einer kubanischen Militärübung im April von Ochsen gezogen. – Soy Villa Clara
Im Frühjahr 1990 stand Fidel Castro vor einer Situation, die er in seiner langen Herrschaft so noch nicht erlebt hatte: Ein möglicher Konflikt mit den Vereinigten Staaten – und erstmals ohne die Rückendeckung Moskaus. Der kubanische Revolutionsführer soll damals erklärt haben, Kuba würde lieber ein zweites „Numancia" werden, als sich zu ergeben. Das Bild, das er wählte, war bewusst düster: Im Jahr 133 v. Chr. weigerten sich die Bewohner der belagerten spanischen Stadt Numancia, sich den römischen Eroberern zu beugen – und zogen stattdessen den kollektiven Freitod vor.
Mehr als drei Jahrzehnte später greift Kubas politische Führung unter Präsident Miguel Díaz-Canel auf dasselbe Drehbuch zurück. Dieselbe Rhetorik, dieselbe Entschlossenheit, dieselbe symbolische Sprache des Widerstands – aber mit einer Armee, die im Vergleich zu ihrer Blütezeit kaum wiederzuerkennen ist, wie CNN in einer detaillierten Analyse berichtet, Hunderte Videos als Propagandakulisse Als Grundlage für ihre Analyse wertete CNN Hunderte von Videos und Bildern aus, die in den vergangenen Monaten von den kubanischen Streitkräften und Regierungsstellen online veröffentlicht wurden. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Revolutionären Streitkräfte Kubas sind ein Schatten ihrer einstigen Größe. Und doch veröffentlichen sie mit auffälliger Regelmäßigkeit Bildmaterial – nicht trotz, sondern wegen der Schwäche, die darin sichtbar wird. Der auf kubanische Politik spezialisierte Experte Frank Mora erklärte CNN gegenüber: Die Videos zeigen bewusst veraltetes Militärgerät, weil sie darauf ausgelegt sind, Trotz – nicht Stärke – zu demonstrieren. Ihr Ziel sei es, „den Widerstand" des kubanischen Volkes zu zeigen, unabhängig davon, wie die kubanischen Streitkräfte im Vergleich zum größeren und technologisch fortschrittlicheren US-Militär abschneiden. Ein Bild, das in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit erregt hat: Ein sowjetisches Flugabwehrsystem vom Typ ZU-23 – gezogen von Ochsen. Aufgenommen im April dieses Jahres im Rahmen einer Militärübung, verbreitete sich die Szene rasch in sozialen Netzwerken. Sie steht sinnbildlich für die Diskrepanz zwischen dem rhetorischen Maximalismus des kubanischen Staates und den real vorhandenen militärischen Mitteln. Vom Erstliga-Militär zum Schatten Um die aktuelle Lage zu verstehen, lohnt ein Blick zurück. Auf dem Höhepunkt ihrer Stärke Anfang der 1990er Jahre verfügten Kubas Streitkräfte über mehr als 235.000 aktive Soldaten sowie eine noch größere Zahl von Reservisten. Westliche Analysten bezeichneten sie damals als „erstklassige Streitkräfte in einem Drittweltland" – ausgerüstet mit modernem sowjetischem Waffenmaterial, das technisch auf Augenhöhe mit amerikanischem Gerät lag. Dann brach die Sowjetunion zusammen. Mit ihr verschwanden die Subventionen, die Nachschublieferketten, die Ersatzteile und die Ausbildungsunterstützung, auf die Havanna jahrzehntelang gebaut hatte. Was folgte, war ein schleichender, aber unaufhaltsamer Verfall. Heute, so CNN unter Berufung auf Expertenschätzungen, umfassen Kubas aktive Streitkräfte höchstens noch etwa 50.000 Soldaten – weniger als ein Viertel der einstigen Truppenstärke. Frank Mora brachte die Entwicklung auf eine prägnante Formel: „Nach den letzten 35 Jahren besteht kein Zweifel daran, dass diese einst erstklassigen Streitkräfte heute bestenfalls nur noch ein Schatten dessen sind, was sie einmal waren." Altes Gerät, neue Botschaft Und dennoch: Kuba gibt nicht auf, sich zu inszenieren. Die sozialen Kanäle des Verteidigungsministeriums liefern regelmäßig Videomaterial, das die verbliebene Ausrüstung in Szene setzt – teils mit dramatischer Orchestermusik unterlegt, teils mit nostalgischen Archivaufnahmen aus vergangenen Jahrzehnten ergänzt. Im Januar veröffentlichte das Ministerium einen Facebook-Clip, in dem Soldaten ein modifiziertes Mehrfachraketenwerfersystem vom Typ BM-21 Grad bedienen – ein sowjetisches Waffensystem aus den frühen Jahren des Kalten Krieges, das auf einem russischen Ural-Lastwagen montiert ist. Die Abschussrohre wirken in der Aufnahme ungeladen, doch die Männer justieren sorgfältig den Winkel des Werfers und koordinieren sich mit farbigen Signalflaggen. Ein weiterer Clip zeigt dasselbe System beim Feuern – in Zeitlupe, orchestral begleitet. Militäranalysten weisen darauf hin, dass das BM-21-System trotz seines Alters durchaus einsatztauglich ist und in asymmetrischen Konflikten eine gewisse Wirkung entfalten kann. Es ist eines der wenigen verbliebenen Systeme, das zumindest ansatzweise für konventionelle Kampfhandlungen genutzt werden könnte. Die Igelstrategie: Guerilla statt Gefecht Den entscheidenden strategischen Schwenk vollzog Kuba nach Angaben des pensionierten US-Marineinfanterie-Oberst Mark Cancian in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren. Damals, als der Verfall der konventionellen Kampfkraft offenkundig wurde, adoptierten kubanische Militärplaner eine sogenannte „Igelstrategie". Das Ziel: nicht mehr auf symmetrische Konfrontation zu setzen, sondern als Land „schwerer zu erobern zu sein". Konkret bedeutet das: Guerillataktiken statt Panzerschlachten. Videos der Revolutionären Streitkräfte zeigen Soldaten, die auf Motorräder auf- und absteigen, raketengetriebene Granatwerfer tragen, sich geduckt durch Schützengräben bewegen und amphibische Landeoperationen üben. Einige der Einheiten tragen Gesichtsbemalung und Tarnuniformen; andere entstammen sichtlich dem Bereich der Spezialoperationen. Cancian bestätigte CNN gegenüber, dass diese Ausrichtung die Fähigkeit der kubanischen Streitkräfte, einem Angriff zu widerstehen, deutlich erhöht – zumindest im Sinne eines kostenintensiven, langwierigen Widerstands: Diese Taktiken könnten das kubanische Militär deutlich schwerer zu besiegen machen – selbst für einen wesentlich stärkeren Gegner. Spezialeinheiten an der Seilrutsche – nahe dem Stadtverkehr Einige der veröffentlichten Aufnahmen sind schwerer einzuordnen. CNN beschreibt Videosequenzen, in denen Spezialeinheiten paarweise einen mit Blech verkleideten Turm in Playa Baracoa, einem Militärstützpunkt am Stadtrand Havannas, hinabseilen. Die Soldaten feuern ihre Gewehre in der Übung beinahe wahllos ab; in anderen Szenen überqueren sie eine Seilrutsche – nur wenige hundert Meter entfernt von vorbeifahrenden Taxis und Motorrädern. Was diese spezifischen Übungssequenzen taktisch darstellen sollen, bleibt unklar. Für CNN-Analysten symbolisieren sie vor allem eines: die eigenartige Mischung aus militärischer Entschlossenheit und begrenzten Ressourcen, die den heutigen kubanischen Sicherheitsapparat prägt. Luftstreitkräfte am Boden Besonders gravierend ist der Verfall der kubanischen Luftwaffe. Wie CNN berichtet, ist von den einst zahlreichen MiG-Kampfflugzeugen, die die Fuerza Aérea Revolucionaria in der Blütezeit des Kalten Krieges betrieb, nach Experteneinschätzung kaum noch eines einsatzbereit. Frank Mora brachte es gegenüber CNN auf eine schlichte Formel: Es sei schwierig, einen russischen Kampfjet der vierten Generation zu fliegen – ohne Treibstoff. In öffentlichen Verlautbarungen tauchen Luftwaffenkapazitäten kaum noch auf, sieht man von gelegentlichen Aufnahmen von Mi-17-Hubschraubern sowjetischer Bauart ab, die hauptsächlich bei Trainingsübungen geringerer Intensität oder bei humanitären Hilfseinsätzen gezeigt werden. Ein mögliches neues Element brachte im vergangenen Monat das US-Nachrichtenportal Axios ins Spiel: Demnach soll Kuba mehr als 300 Militärdrohnen erworben haben. Details zu Typ und Leistungsfähigkeit blieben unklar. Die kubanischen Behörden dementierten den Bericht umgehend und kategorisch. Bislang tauchten keinerlei Aufnahmen dieser angeblichen Drohnen auf; lediglich vereinzelte Videos von kommerziellen Kleindrohnen, die von kubanischen Soldaten genutzt werden, kursierten in den vergangenen Monaten. Selbst wenn die Drohnen existieren sollten, wäre deren strategischer Wert begrenzt, betonte Cancian gegenüber CNN: Sie würden „nur einen einmaligen Schlagkraft-Impuls" liefern und dem Regime danach kaum weitere Handlungsoptionen lassen. Díaz-Canel und der Geist Castros Politisch folgt die aktuelle Führung in Havanna dem Muster, das Castro in den dunkelsten Stunden der Spezialperiode etabliert hat. Im April dieses Jahres erklärte Präsident Díaz-Canel in einem Interview mit dem US-Magazin Newsweek: „Wenn wir im Kampf fallen, bedeutet für das Vaterland zu sterben, zu leben." Eine Aussage, die in ihrer Absolutheit bewusst an die Numancia-Rhetorik Castros anknüpft. Kubanische Regierungsvertreter betonen gleichzeitig, dass Havanna keine Absicht hegt, die USA anzugreifen – weder am Marinestützpunkt Guantánamo noch anderswo. Die Botschaft ist zweigeteilt: keine Aggression, aber kompromissloser Widerstand im Verteidigungsfall. Mora sieht darin eine konsistente kommunikative Logik: Das Regime spreche primär eine innenpolitische Zielgruppe an. In Zeiten drastisch verschlechterter Versorgungslage, wachsender Emigration und anhaltender Wirtschaftskrise brauche der Staat Narrative des Stolzes und der Resilienz – auch wenn die militärische Substanz, die solche Narrative untermauern könnte, längst erodiert ist. Sanktionsdruck und militärische Schwäche Der Kontext, in dem CNN diese Analyse veröffentlicht, ist kein zufälliger: Die Trump-Regierung hat in den vergangenen Monaten den Druck auf Havanna schrittweise erhöht. Neue Sanktionen richten sich unter anderem gegen GAESA, den mächtigen Militärkonzern, der weite Teile der kubanischen Wirtschaft kontrolliert. Kubas Außenminister bezeichnete die Maßnahmen als „gnadenlose Aggression". Vor diesem Hintergrund gewinnen die militärischen Videoinszenierungen eine zusätzliche Dimension: Sie sind keine klassische Kriegspropaganda, die reale Stärke abbildet oder übertreibt. Sie sind Signale einer Regierung, die intern und extern kommuniziert, dass sie sich trotz allem nicht beugen wird – koste es, was es wolle. Ein Numancia für das 21. Jahrhundert, konstruiert aus Sowjetschrott und Orchestermusik.
Quelle: CNN (https://t1p.de/36sds)
Autor: Leon Latozke
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