Neues aus Kuba
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Die kubanische Hauptstadt versinkt im Müll – und die Folgen sind längst nicht mehr nur ästhetischer Natur.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: Video. Rechte beim Uploadenden.
Der Anblick ist erschütternd und für Bewohner wie Besucher gleichermaßen schwer zu ertragen: In den Straßen Havannas türmen sich Müllberge von über einem Meter Höhe. Ganze Häuserblocks sind von Abfällen gesäumt – Plastikflaschen, Maiskolben, Verwesendes. Was sich wie eine Übertreibung liest, ist nach einem Bericht der New York Times (NYT) längst traurige Realität in der Hauptstadt der Karibikinsel.
Wie die Zeitung in einer ausführlichen Reportage schildert, gehört das Bild überquellender Müllcontainer und brennender Abfallhaufen inzwischen zum gewohnten Stadtbild der kubanischen Hauptstadt. Die Ursachen sind vielschichtig, die Folgen zunehmend bedrohlich. Die Zeitung zitiert dabei sowohl betroffene Anwohner als auch Experten und dokumentiert minutiös ein Systemversagen, das weit über die aktuellen Versorgungsengpässe hinausweist. Besonders eindringlich ist das Beispiel von José Fernández Zaldívar. Der 79-Jährige verdient umgerechnet rund neun Dollar im Monat mit dem Fegen des San Rafael Boulevards. Seine Arbeit bringt ihn täglich mit dem Müllproblem in Berührung, doch wenn er nach Hause kommt, erwartet ihn dort das gleiche Elend. „Manchmal ist die Müllansammlung so groß, dass sie meinen Hauseingang blockiert und ich nicht herauskomme“, wird er zitiert. „Dann muss ich mir einen Pfad durch den Abfall bahnen.“ Die Zeitung beschreibt, wie er die Abfälle auf einem Karren fortschafft – eine Sisyphusarbeit angesichts der ständig nachwachsenden Berge. Nur die unmittelbare Ursache der Krise liegt in der Erdöl-Knappheit, so das Blatt Die Trump-Administration hatte den Zugang Kubas zu venezolanischem Rohöl blockiert, dem wichtigsten Lieferanten der Insel. Zusätzlich drohten die USA mit Strafzöllen gegen andere Staaten, die Kuba mit Treibstoff versorgen könnten. Mexiko, ein weiterer wichtiger Lieferant, stellte seine Lieferungen daraufhin ein. Ohne Treibstoff können die Müllwagen nicht fahren – eine simple, aber verheerende Logik. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Die Probleme seien deutlich älter als die jüngsten Sanktionen. Bereits 2014 hat die staatliche Zeitung Granma über die „Instabilität bei der Müllabfuhr“ geklagt und diese auf fehlende Container und Spezialfahrzeuge zurückgeführt – verschärft durch „populäre Disziplinlosigkeit, Kontrollverlust und schwache Führungskultur“. Die Fakten sind niederschmetternd: Havanna benötige nach Angaben der zuständigen Behörde bis zu 30.000 Müllcontainer, verfüge aber nur über 10.000 – viele davon in desolatem Zustand. Japan spendete 2019 zwar 100 Müllfahrzeuge, doch fünf Jahre später, so die staatliche Presse, seien bereits erste Schäden aufgetreten. Von ursprünglich 106 Sammelfahrzeugen in der Hauptstadt seien zuletzt nur noch 44 einsatzfähig gewesen. Die NYT berichtet von einem regelrechten Wettbewerb der Müllhalden. In der zum Stadtteil Cerro gehörenden San Martín-Straße konkurrierten zwei inoffizielle Müllplätze miteinander. Einer erstrecke sich an schlechten Tagen über 36 Meter – die Länge von etwa elf parkenden Autos. Der andere sei rund und habe kürzlich einen Durchmesser von sechs Metern erreicht. Container gebe es dort nicht. „Es ist nicht richtig zu sagen, dass dies alles an der Blockade von Trump liegt. Dieses Problem besteht, seit ich denken kann“, zituiert die NYT den kubanische Ökonom Ricardo Torres, derzeit Forscher an der American University. „Es geht um Ressourcen und Verwaltung.“ Torres erinnert sich an eine diplomatische Veranstaltung im Jahr 2018, als japanische Geber fragten, was Kuba am dringendsten benötige. Die Antwort: Müllfahrzeuge. Die gesundheitlichen Folgen der Verwahrlosung zeichnen sich bereits ab. Das staatliche Zentrum für Neurowissenschaften Kubas (CNEURO) habe im Februar vor den schweren Gesundheitsrisiken durch das Verbrennen von Müll in den Städten gewarnt. Der giftige Rauch könne bei Kindern neurologische Schäden verursachen. Doch es sind vor allem die von Mücken übertragenen Krankheiten, die den Experten Sorgen bereiten. Dengue-Fieber, Chikungunya und andere durch Insekten übertragene Krankheiten sind in Kuba bereits weit verbreitet. Die Müllberge und das stehende Wasser in den Straßen ziehen Fliegen, Mücken und anderes Ungeziefer an – ein idealer Nährboden für Seuchen in einem Land, dessen öffentliches Gesundheitssystem selbst nach Regierungsangaben schwer unter Druck stehe. Marta Ramos Soler, eine Krankenschwester, lebt im Stadtteil Cerro neben einer Müllhalde. Der Müllberg beginnt etwa 14 Meter vor ihrer Haustür. Die Regierung hat versucht, Container aufzustellen, doch diese sind zerstört worden, nachdem Anwohner Feuer gelegt haben, um die Abfälle zu beseitigen. „Ich bin es leid, im Gestank zu leben, zwischen Abfällen, mit Nagetieren und Kakerlaken“, so Ramos zur NYT. Sie selbst, ihr Sohn und ihre Schwiegermutter hätten im vergangenen Jahr Chikungunya bekommen – eine Viruserkrankung, die lähmende Gelenkschmerzen verursacht. Die kubanische Regierung zeigt sich in öffentlichen Stellungnahmen selbstkritisch. „Es stimmt, dass uns Ressourcen fehlen, aber es hat uns auch an Initiative, an Anspruch, an Prioritätensetzung gefehlt“, sagte Premierminister Manuel Marrero Ende des vergangenen Jahres dem staatlichen Mediums Cubadebate. Die Regierung kündigte im November an, dass das staatliche Stahlunternehmen 40 neue Müllfahrzeuge produzieren werde. Zudem würden Soldaten und Beschäftigte anderer staatlicher Betriebe, die wegen Treibstoffmangels nicht an ihren eigentlichen Arbeitsplätzen tätig sein können, zur Müllabfuhr abkommandiert. Doch die Maßnahmen erscheinen angesichts des Ausmaßes der Krise als Tropfen auf den heißen Stein. Die New York Times beieht sich auf eine deutsche Studie aus dem Jahr 2018, die zu dem Ergebnis kam, dass die beiden Hauptursachen für die unzureichende Müllabfuhr in Havanna mechanische Probleme – etwa defekte Fahrzeuge – und fehlende Motivation bei Anwohnern wie Sammlern seien. „Die Müllberge sind zu einem Symbol für die extremen Folgen der Ölblockade der Trump-Regierung gegen Kuba geworden“, schreibt dei NYT. „Aber das Problem besteht seit mehr als einem Jahrzehnt und spiegelt Kubas Schwierigkeiten wider, grundlegende Dienstleistungen mit einer zentralisierten Staatswirtschaft zu erbringen, die weithin kritisiert und durch das US-Handelsembargo abgewürgt wird. Infolgedessen machen viele Kubaner ihre Regierung genauso verantwortlich wie das Embargo.“ Während die Regierung offenbar weiter nach Lösungen sucht, bleibt die Situation für die Betroffenen prekär. Als es kürzlich heftig regnete, waren die Anwohner zunächst erleichtert – in der Hoffnung, der Regen möge das Problem lösen. Doch als der Regen aufhörte, war der Müll nur über die ganze Straße verteilt. Eine Lösung, die keine ist – wie so vieles in diesem System. Autor: Leon Latozke
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