Neues aus Kuba
Otero Alcántara im Exil: "Ich glaube an die Demokratie – die Menschen in Kuba werden wählen"24/7/2026
24.07.2026 08:00 Uhr
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Der kubanische Dissident und Künstler Luis Manuel Otero Alcántara spricht im Exil in Miami über seine Haft, die Kunst als Überlebensstrategie und seine Vision für Kubas Zukunft.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: Video. Rechte beim Uploadenden.
Der kubanische Künstler und Dissident Luis Manuel Otero Alcántara ist vor wenigen Tagen in Miami gelandet. Sein erster Weg führte ihn zur Ermita de la Virgen de la Caridad del Cobre – einem Ort von großer symbolischer Bedeutung für Exilkubaner, nur 145 Kilomater von der Insel entfernt, die er gerade verlassen musste.
Im Gespräch mit CNN zeigt sich der 38-Jährige überzeugt, dass die Zukunft Kubas allein in den Händen der Kubaner liegen sollte – trotz wachsenden Drucks aus Washington, wo die Regierung von Donald Trump zuletzt sogar mit einer Übernahme der Insel gedroht hatte. „Ich glaube an die Menschen. Ich glaube, dass die Menschen den Anführer wählen werden, der es sein soll. Ich glaube an die Demokratie. Die Menschen sind es, die wählen werden", sagte Otero Alcántara. Kunst als Überlebensstrategie
Otero Alcántara ist Mitbegründer der Bewegung Movimiento San Isidro, die sich gegen ein Dekret richtet, das nach Ansicht ihrer Mitglieder kulturelle Produktion in Kuba kriminalisiert. Als Performance- und visueller Künstler organisierte er auf der Insel Ausstellungen, Konzerte, Debatten und Unterschriftenaktionen, beteiligte sich an Protesten und Hungerstreiks – unter anderem, um die Freilassung inhaftierter Aktivisten zu fordern. Nach eigenen Angaben war er seit 2016 rund 60 Mal Ziel von Festnahmen und stand unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit.
Verhaftet wurde er am 11. Juli 2021, während der landesweiten Massenproteste, die viele Beobachter als tiefen Bruch zwischen Teilen der kubanischen Gesellschaft und der Regierung werten. Die Behörden warfen ihm Missachtung der Staatsgewalt, öffentliche Unruhe und die Schändung nationaler Symbole vor. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt und im Gefängnis von Guanajay in der Provinz Artemisa im Westen Kubas inhaftiert.
In der Haft war es ausgerechnet die Kunst, die ihm half durchzuhalten – auch in Phasen, in denen ihm schon das Halten eines Stifts schwerfiel. „Der Stift wog mir schwer, alles wog schwer, aber ich hörte nicht auf zu arbeiten", erzählt er. „Da waren so viele Energien, die ich kanalisieren musste – das half mir, mit meiner Angst umzugehen, mit der Zeit, mit allem." Rund 4.000 Werke sind während seiner Haftzeit entstanden. „Die Zeichnungen haben mich buchstäblich gerettet. Ohne sie, glaube ich, wäre es unmöglich gewesen, fünf Jahre durchzustehen."
„Urknall" einer aufbegehrenden Gesellschaft
Für Otero Alcántara waren die Proteste vom 11. Juli 2021 kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelang aufgestauter Spannungen. Er selbst rechnete zunächst nicht mit dem Ausmaß, das der Tag annehmen sollte. Erst als er über Funk hörte, dass sich in Havanna Tausende Menschen versammelten, wurde ihm klar: Das war anders als frühere Proteste. „Ich dachte, es sei nur ein weiterer der vielen Proteste, die es damals gab", erinnert er sich. Tausende Jugendliche und Erwachsene gingen mit Kochtöpfen auf die Straße, um bessere Lebensbedingungen sowie Strom- und Wasserversorgung einzufordern.
„Ich spürte, dass etwas Großes passieren würde. Wie eine Explosion", sagt er. „Am Ende gingen die Menschen wegen dieses Funkens raus, wie beim Urknall." Die Proteste dauerten mehrere Tage und endeten mit mehr als 1.400 Festnahmen. Gewalt lehnt er ab – doch den Moment selbst beschreibt er als gesellschaftliches Erwachen: „Ich war nicht glücklich über die Gewalt, denn Gewalt ist immer schlecht, aber glücklich darüber, ein Volk erwachen zu sehen, das für seine Freiheiten kämpft." Ankommen in einem fremden Land
Miami war für Otero Alcántara die naheliegendste Wahl – dort leben Familie, Freunde und ein Teil der kubanischen Exilkultur. Dennoch bedeutet der Neuanfang für ihn eine völlig neue Realität: Er spricht kein Englisch und muss sich in einem Land zurechtfinden, das er kaum kennt. Die Kontraste zu Havanna beschreibt er sinnlich: „Alles ist schön. Hast du die Möwe gesehen, wie schön. Die Blumen, die Geräusche, alles, das saubere Meer, es riecht sauber. In Havanna riecht das Meer nach Öl, alles ist schmutzig."
Bei der Ermita kommen immer wieder Kubaner auf ihn zu, umarmen ihn, machen Fotos. 2021 hatte ihn das Time Magazine unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt – eine Rolle, die er noch zu verarbeiten versucht: „Jede Umarmung überträgt dir Energie. Das ist auch eine Macht, die man verarbeiten muss. Nie hat man dir so viele Umarmungen, so viele Küsse gegeben, nie hat man dir gesagt: du bist ein Symbol." Der Abschied von der Heimat hat aber auch einen sehr persönlichen Preis: Sein 16-jähriger Sohn ist in Kuba geblieben. Ihn wieder in den Arm nehmen zu können, gehört zu seinen größten Wünschen. „Mein Körper weiß, dass das hier nicht Havanna ist und dass ich jetzt, wo dort eine Diktatur herrscht, nicht zurückkann. Aber ich werde keine Minute verlieren. Denn eine Minute zu verlieren bedeutet, eine weitere Minute mehr Diktatur."
Auch aus dem Exil verfolgt Otero Alcántara das Schicksal der noch inhaftierten Aktivisten in Kuba – darunter Maykel Castillo Pérez, bekannt als Maykel Osorbo, mit dem er gemeinsam den Song „Patria y Vida" veröffentlichte, der zur Hymne der kubanischen Proteste wurde und zwei Grammys gewann. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Prisoners Defenders sitzen derzeit mehr als 1.300 politische Gefangene in Kuba ein; die kubanische Regierung weist Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen zurück.
Zum Abschluss des Gesprächs mit CNN beschreibt Otero Alcántara sein Bild von Kuba: ein Land, in dem die Menschen selbst über ihre Zukunft entscheiden und in dem unterschiedliche Positionen zueinanderfinden können. Symbolisch dafür steht eine zerbrochene Statue der Jungfrau von der Caridad del Cobre, der Schutzpatronin Kubas, die er mit ins Exil nahm und gemeinsam mit der Gemeinde in der Ermita Stück für Stück wieder zusammensetzte. „Das ist der Punkt, an dem wir uns alle treffen, trotz unterschiedlicher politischer Farben, trotz Differenzen, trotz Problemen, trotz Konflikt." Autor: Leon Latozke
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