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08.07.2026 10:00 Uhr
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Luis Manuel Otero Alcántara, politischer Häftling und regimekritischer Künstler in Kuba, ist nach fünf Jahren aus der Haft entlassen worden. Statt in Freiheit zu sein, wurde er jedoch in eine unbekannte staatliche Einrichtung gebracht.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: Video. Rechte beim Uploadenden.
Fünf Jahre lang war er das bekannteste Gesicht der kubanischen Dissidentenszene hinter Gittern. Am Dienstag (7.) verließ der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara das Hochsicherheitsgefängnis von Guanajay im Südosten Havannas – zwei Tage bevor seine Strafe offiziell ausgelaufen wäre. Doch von echter Freiheit kann keine Rede sein: Otero Alcántara befindet sich weiterhin in den Händen der kubanischen Behörden, an unbekanntem Ort. Das berichtete die spanische Tageszeitung EL PAÍS unter Berufung auf Aktivisten, die durch Mithäftlinge von der Verlegung erfuhren.
Demnach wurde der Künstler unter starker Bewachung aus Guanajay abtransportiert und mutmaßlich in eine Regierungseinrichtung gebracht – dort solle er auf seine endgültige Freilassung oder aber auf seine Ausreise ins Exil warten. Eine offizielle Stellungnahme der Regierung in Havanna steht bislang aus. „Gerade jetzt ist Luis Manuel verschwunden. Er ist nicht frei, er ist nicht entlassen“, sagte die Kuratorin und Aktivistin Anamely Ramos, eine enge Freundin des Künstlers, gegenüber EL PAÍS. Ramos zufolge befindet sich Otero Alcántara in den Händen der Staatssicherheit irgendwo in Havanna – weder Familie noch Freunde hätten offizielle Informationen erhalten. Von seiner Verlegung wisse man nur durch die Solidarität anderer Gefangener. Fünf Jahre für eine Flagge und ein Lied Verurteilt wurde Otero Alcántara wegen „Angriffs, Missachtung der Autorität, öffentlicher Unruhen und Anstiftung zu Straftaten“ – so die offizielle Version der kubanischen Justiz. Dem Regime war der Künstler schon lange ein Dorn im Auge: Mit Liveauftritten in sozialen Medien, Hungerstreiks und seinem Kampf gegen Dekret 349, das die künstlerische Freiheit in Kuba staatlicher Genehmigung unterwirft, machte er sich zu einer der unbequemsten Stimmen der Insel. 2019 trug er im Rahmen der Performance „Drapeau“ einen Monat lang ununterbrochen die kubanische Flagge bei sich – ihm wurde daraufhin „Schändung nationaler Symbole“ vorgeworfen. Ein weiterer Anklagepunkt geht auf eine Protestaktion am 4. April 2021 zurück, bei der er gemeinsam mit dem Rapper Maykel Osorbo und anderen das Lied „Patria y Vida“ sang und dabei Sprechchöre gegen Präsident Miguel Díaz-Canel anstimmte. Otero Alcántara, den das US-Magazin Time 2021 zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt zählte, war Gründer und Kopf der Bewegung San Isidro. Sie erlangte internationale Aufmerksamkeit, als mehrere Künstler, Intellektuelle und Bürger in den Hungerstreik traten, um gegen die politische Repression in Kuba zu protestieren. Der letzte freie Tag: 11. Juli 2021 Frei war Otero Alcántara zuletzt am 11. Juli 2021 – jenem Tag, an dem Kuba die größten Proteste seit der Revolution erlebte. Als er sein Haus in der Calle Damas 955, zugleich Sitz der Bewegung San Isidro, verließ, wurde er von Sicherheitskräften abgefangen, bevor er sich der Demonstration zum Kapitol in Havanna anschließen konnte. Die Regierung reagierte auf die landesweiten Proteste mit harter Hand: Mehr als 1500 Menschen wurden in den folgenden Wochen zu politischen Gefangenen erklärt, einige verbüßten Haftstrafen von bis zu 20 Jahren. Zwischen Exil und Märtyrertum Die kubanischen Behörden boten Otero Alcántara wiederholt an, im Austausch gegen seine Freilassung dauerhaft ins Ausland zu gehen – er lehnte stets ab. In einem Interview, das er vor zwei Jahren aus der Haft exklusiv EL PAÍS gab, deutete er jedoch an, seine Haltung überdacht zu haben. Er sei nie ausreisewillig gewesen, sagte er sinngemäß, doch das Regime lasse ihm keine andere Wahl, als entweder ins Exil zu gehen oder weiter zu kämpfen. Man habe ihm diese fünf Jahre aus dem Nichts konstruiert – und könne ebenso gut weitere Jahre daraus machen. Deshalb habe er sich, unter der Bedingung eines baldigen Endes seiner Haft, für das Exil entschieden; andernfalls wolle er bleiben, komme was wolle. Sein Fazit damals, frei wiedergegeben: Am Ende bleibe ihm nur die Wahl zwischen Märtyrertum und dem Verlassen Kubas. Faustpfand zwischen Havanna und Washington Im April dieses Jahres, inmitten wachsender Spannungen zwischen den USA und Kuba, kamen die Fälle von Otero Alcántara und Maykel Osorbo – der zu acht Jahren Haft verurteilt wurde – bei einem Treffen in Havanna zur Sprache. Es war die erste US-Delegation seit der Obama-Ära, die zu Verhandlungen mit der kubanischen Regierung zusammenkam. Bei den unter Vermittlung des Vatikans erfolgten Gefangenenfreilassungen der vergangenen Monate wurde jedoch keiner der beiden prominenten Häftlinge berücksichtigt. Während seiner gesamten Haftzeit hörte Otero Alcántara nicht auf, Kunst zu schaffen – in seiner Zelle, mit den Mitteln, die ihm blieben. Er selbst sieht darin den Grund für sein Durchhalten. Malen und Zeichnen hätten ihm geholfen, die Jahre der Isolation zu überstehen, sagte er 2024 gegenüber ELPAÍS; ohne diese Auseinandersetzung mit eigenen Kindheitserfahrungen, Traumata und dem Missbrauch durch Lehrer wäre er im Gefängnis „wie ein Vogel gegen die Gitter geflogen“. Ob Otero Alcántara am Ende tatsächlich freikommt, ins Exil geschickt wird oder – wie zuvor bereits vom Obersten Volksgericht signalisiert – weiter in staatlichem Gewahrsam bleibt, ist derzeit offen. Autor: Leon Latozke
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