Neues aus Kuba
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29.07.2026 09:00 Uhr
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„Die Menschen sind verzweifelt, dass irgendetwas passiert." Der frisch aus der Haft entlassene Dissident Otero Alcántara schildert aus dem Miami-Exil, wie sehr Trumps Kuba-Politik die Stimmung auf der Insel prägt.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: YouTube. Rechte beim Uploadenden.
Luis Manuel Otero Alcántara, Gründer der Künstlerbewegung San Isidro und eine der bekanntesten Figuren des kubanischen Widerstands, ist seit gut einer Woche in Miami. Fünf Jahre saß er in Haft, nun lebt er im erzwungenen Exil – und zeichnet im Gespräch mit der spanischen Zeitung EL PAÍS ein Bild eines Landes, das nach eigener Aussage bereit ist für „irgendetwas", solange sich das System ändert.
Die Menschen in Kuba, so Otero Alcántara, wüssten oft gar nicht genau, was Demokratie eigentlich bedeute. Doch sie wollten ein Ende des Leidens, das die Regierung über das Land gebracht habe. Kuba stehe kurz vor dem Kollabieren, das Land „ersticke" regelrecht. Kein Verweis auf Martí – die Heimat sind die Menschen
Sein politisches Engagement gelte nicht abstrakten Symbolen, sondern den Menschen selbst, betont der Künstler. Die eigentliche Heimat sei nicht das, was Unabhängigkeitsheld José Martí vor über hundert Jahren niedergeschrieben habe, sondern die Menschen, die heute auf den Straßen unterwegs seien – und diese Heimat sei unterernährt. Er beschreibt ein System, in dem eine kleine, korrupte Führungsschicht von der Not der Bevölkerung profitiert, während der Staat weder Hunger noch medizinische Versorgung sicherstellen könne.
Zwischen Verhandlungen und Straßenprotesten
Zur aktuellen Annäherung zwischen Havanna und Washington unter Donald Trump sagt Otero Alcántara, es sei entscheidend zu verstehen, worüber genau beide Regierungen tatsächlich verhandelten. Der jetzige Moment sei jedoch nicht allein das Ergebnis amerikanischer Politik, sondern auch jahrelanger Arbeit der kubanischen Opposition und ihrer Unterstützer im Ausland – diesen Moment gelte es nun zu nutzen.
Er erinnert an die Proteste vom 11. Juli 2021, in deren Folge er selbst inhaftiert wurde. Zwar seien die meisten damals verurteilten politischen Gefangenen inzwischen freigelassen worden, doch neue – oft sehr junge – Häftlinge seien nachgerückt. Das zeige für ihn vor allem eines: Kuba lerne, eine zivile Gesellschaft zu werden. Demokratie bedeute für ihn, öffentlich sprechen, senden und posten zu können, ohne dafür Gefängnis oder Verfolgung zu riskieren. Sorge vor einem Machterhalt der Castros
Große Sorge bereitet dem Künstler das Szenario einer intransparenten Übergangslösung, bei der die Familie Castro oder Präsident Miguel Díaz-Canel im Hintergrund weiter die Fäden zögen – über Jahre hinweg. Sollten die USA sich in einem solchen Fall mit der bestehenden Macht arrangieren, stelle sich die Frage, wer dann noch für die Rechte der Bevölkerung eintrete. Verzeihen ja, sagt er – aber nicht auf Kosten derjenigen, die für ihre Kritik am System gelitten hätten. Gerade sie müssten in einem Übergangsprozess Gehör finden.
Auf die Frage, ob es in einem Übergang Platz für die Castros oder die kommunistische Führung gebe, antwortet Otero Alcántara mit dem Verweis auf fast 70 Jahre Unrecht. Es brauche geordnete, international unterstützte Institutionen, die Aufarbeitung leisten könnten – ohne dass daraus unkontrollierte Racheakte würden. Kuba sei nicht die erste und nicht die letzte Diktatur, die falle; entsprechend groß sei der Bedarf an internationaler Unterstützung beim Aufbau demokratischer Strukturen. Der Fall Maduro als Blaupause?
Besonders aufschlussreich sind seine Ausführungen zur Festnahme von Nicolás Maduro in Venezuela. Dieses Ereignis habe in Kuba spürbare Wellen geschlagen: Viele hätten das Vorgehen gegen Maduro als Signal gedeutet, dass auch in Kuba eine „chirurgische" Intervention denkbar wäre. Otero Alcántara selbst bezeichnet sich als Pazifisten, der keine Bombardierung des Landes wolle. Gleichzeitig hält er eine gezielte Aktion gegen die Führung für denkbar und notwendig, um weiteres Blutvergießen zu verhindern – die Bevölkerung warte förmlich auf eine solche Unterstützung von außen, gleich woher sie komme.
Zur Frage möglicher friedlicher Reformen bleibt er skeptisch. Schon 2021 habe die Staatsmacht Proteste mit Gewalt und langen Haftstrafen beantwortet. Er rechnet damit, dass ein Machtwechsel eher mit Panzern auf den Straßen einhergehen könnte als mit einem geordneten Übergang – auch wenn Teile des Militärs angesichts einer ungewissen Zukunft nach dem Ende des Systems zögerten. Das Embargo als Ausrede
Deutlich äußert sich der Künstler zur oft von Havanna vorgebrachten These, das US-Embargo sei für die Versorgungskrise verantwortlich. Aus eigener Erfahrung während seiner Haftzeit – als ein russisches Öltankschiff anlegte – berichtet er von einer Stimmung der Resignation unter den Gefangenen: Jede Erleichterung von außen verlängere nur das Leiden unter dem bestehenden System. Viele Kubaner wünschten sich im Gegenteil, dass die Versorgungslage vollständig kollabiere, um einen echten Bruch zu erzwingen.
Bezeichnend findet er zudem, dass sich viele Kubaner heute stärker für Äußerungen von Donald Trump oder US-Außenminister Marco Rubio interessierten als für die des eigenen Präsidenten – ein Symptom, das er als „anthropologischen Schaden" der jahrzehntelangen Diktatur beschreibt.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/ygcha)
Autor: Leon Latozke
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