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Nur fünf Prozent der Kubaner unterstützen noch die Regierung von Miguel Díaz-Canel – ein historischer Tiefpunkt. Stromausfälle, Lebensmittelknappheit und extreme Armut haben das Vertrauen in die Staatsführung massiv erschüttert, besonders unter jungen Menschen.
10.09.2025 07:12 Uhr
Abbildung: Antonio Schubert from Rio de Janeiro, Brasil, El Malecón (43197428764), Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 2.0
Ein neuer Bericht des Observatorio Cubano de Derechos Humanos (OCDH) zeichnet ein düsteres Bild der sozialen und wirtschaftlichen Realität auf der Insel. Die Ergebnisse zeigen ein Land im Krisenzustand, in dem Armut, Mangelversorgung und Perspektivlosigkeit den Alltag bestimmen. Zugleich verliert die Regierung unter Präsident Miguel Díaz-Canel rapide an Rückhalt – insbesondere unter der jungen Generation.
Massenhafte Ablehnung des Regierung Nach den Erhebungen des OCDH bewerten nur noch fünf Prozent der Befragten die Regierungsführung positiv. Der Negativwert liegt bei 92 Prozent – der schlechteste Wert in Lateinamerika neben Peru. Besonders deutlich ist die Distanz der Jugend: Unter den 18- bis 30-Jährigen geben lediglich 3,4 Prozent an, die wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen des Staates zu unterstützen. Das einst als revolutionäre Avantgarde gefeierte Universitätsmilieu hat sich in den vergangenen Monaten sogar an die Spitze von Protesten gestellt, etwa gegen die Anhebung von Gebühren für Telefonie und Internet. Das Bild einer breiten gesellschaftlichen Ablehnung zeigt sich auch im massiven Auswanderungswunsch. 78 Prozent der Kubaner würden das Land verlassen, wenn sich die Möglichkeit bietet. Für 30 Prozent bleibt die US-amerikanische Option die bevorzugte, doch mehr als ein Drittel würde „jedes Land“ akzeptieren, das eine Flucht aus der Misere erlaubt. Seit der gewaltsam niedergeschlagenen Protestbewegung vom Juli 2021 haben bereits mehr als eine Million Menschen, überwiegend junge Erwachsene, Kuba verlassen. Extreme Armut als Normalzustand Die Studie konstatiert, dass 89 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut leben. Sieben von zehn Kubaner mussten bereits Mahlzeiten ausfallen lassen, weil sie kein Geld oder keine Lebensmittel zur Verfügung hatten. Besonders betroffen sind ältere Menschen: Acht von zehn über 60-Jährige überspringen regelmäßig eine Mahlzeit, viele arbeiten trotz Rente weiter, um überhaupt überleben zu können. 14 Prozent der über 70-Jährigen sind noch berufstätig, weil ihre Pension nicht ausreicht, um selbst die einfachsten Grundnahrungsmittel zu erwerben. Die offizielle Darstellung, es gebe auf Kuba keine Obdachlosen oder Bettler, hat im Sommer zu einem politischen Skandal geführt. Die damalige Arbeitsministerin Marta Elena Feitó behauptete, Menschen, die auf den Straßen nach Nahrung suchten, seien in Wahrheit „Trittbrettfahrer“. Die Empörung in den sozialen Medien zwang die Regierung zu einer Kurskorrektur. Für das OCDH ist der Vorfall ein Sinnbild für die Entfremdung zwischen Bevölkerung und Führung. Alltag zwischen Stromausfällen und Inflation Laut der Befragung haben Stromausfälle erstmals die Lebensmittelknappheit als Hauptsorge der Menschen überholt. 72 Prozent der Befragten sehen in den permanenten Blackouts ihr größtes Problem, dicht gefolgt von der Nahrungsmittelkrise (71 Prozent). Inflation, niedrige Löhne und eine überlastete Gesundheitsversorgung verschärfen die Lage zusätzlich. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt deutlich unter dem für das Existenzminimum erforderlichen Niveau. 74 Prozent der Familien verfügen über weniger als 23.000 Pesos im Monat, umgerechnet rund 65 US-Dollar. Ökonomen schätzen, dass ein Haushalt mindestens 30.000 Pesos benötigt, um sich gerade einmal notdürftig zu ernähren. Auch die Versorgung mit Medikamenten und grundlegender Infrastruktur ist prekär. Nur drei Prozent der Bevölkerung finden regelmäßig Arzneien in staatlichen Apotheken. Viele sind auf Pakete von Verwandten im Ausland oder kirchliche Hilfsorganisationen angewiesen. Beim Zugang zu Wasser zeigt sich ein ähnliches Bild: Lediglich 15 Prozent der Haushalte verfügen über eine kontinuierliche Versorgung. Rolle der Diaspora Ein erheblicher Teil der Bevölkerung überlebt nur dank der Unterstützung aus dem Ausland. 37 Prozent der Haushalte erhalten Geld oder Sachleistungen von Exil-Kubanern. Am häufigsten erfolgen die Hilfen in Form von Mobilfunkaufladungen, Lebensmittelpaketen oder Bargeld. Die Summen sind meist bescheiden – zwischen 50 und 100 US-Dollar alle paar Monate – doch ohne diese Zuwendungen wäre die Lage vieler Familien noch dramatischer. Perspektivlosigkeit und Erosion des Systems Das OCDH sieht in den Ergebnissen eine Bestätigung für die tiefe Systemkrise. Die klassischen Argumente der Regierung – Schuldzuweisungen an die USA, Appelle zur Widerstandskraft, Verweise auf angebliche soziale Errungenschaften – greifen nicht mehr. Stattdessen dominiert das Bild eines Staates, der den Kontakt zu seiner Bevölkerung verloren hat und dessen Versorgungsnetzwerke zerfallen. Die Kombination aus wirtschaftlichem Niedergang, wachsender sozialer Verelendung und politischer Stagnation hat das Vertrauen in die Staatsführung auf einen historischen Tiefstand gedrückt. Während die Führung an alten Parolen festhält, wächst in der Gesellschaft der Wille zur Auswanderung – selbst um den Preis, in unsichere Zukunftsländer aufzubrechen. Das Resümee des Berichts fällt eindeutig aus: Kubas Krise ist nicht nur vorübergehend, sondern strukturell. Der revolutionäre Anspruch, soziale Sicherheit und Gleichheit zu gewährleisten, steht heute im krassen Gegensatz zur Realität einer Bevölkerung, die mehrheitlich unterhalb des Existenzminimums lebt, ihre Hoffnung verliert und der Regierung jegliche Legitimität abspricht. Das OCDH ist eine in Madrid registrierte NGO, die von ehemaligen kubanischen politischen Gefangenen gegründet wurde und Menschenrechtsverletzungen in Kuba dokumentiert. Es arbeitet eng mit Exilgruppen zusammen und wird von internationalen Medien häufig zitiert. Zur Finanzierung macht das OCDH kaum Angaben, konkrete Geldquellen bleiben unklar. Kritiker vermuten ausländische Förderungen, belastbare Belege fehlen. Die Nähe zu oppositionellen Exilkreisen wirft Fragen nach Neutralität auf, zugleich gilt das OCDH wegen fehlender unabhängiger Institutionen in Kuba als zentrale Quelle für soziale Daten.
Quelle: OCDH (pdf) (https://t1p.de/utu93)
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Text: Leon Latozke
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