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30.07.2025 07:58
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Zum ersten Mal seit der Revolution von 1959 hat der private Sektor in Kuba den staatlichen im Einzelhandel überholt – zumindest gemessen am Verkaufswert. Nach Angaben des kubanischen Statistikamts (Oficina Nacional de Estadística e Información - ONEI) entfielen im Jahr 2024 rund 55 Prozent des Umsatzes mit Waren und Dienstleistungen auf nichtstaatliche Anbieter. Im Jahr zuvor lag dieser Anteil noch bei 44 Prozent. Die Statistik schließt öffentliche Versorgungsleistungen wie Strom oder Wasser aus.
Der Bedeutungszuwachs des privaten Sektors ist das Resultat eines seit Jahren schwelenden wirtschaftlichen Wandels. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, auf die Kuba wirtschaftlich stark angewiesen war, öffnet sich die Insel schrittweise für privatwirtschaftliche Aktivitäten. Die staatlich gelenkte Wirtschaft hingegen befindet sich in einem anhaltenden Abschwung: In den letzten fünf Jahren ist sie offiziellen Angaben zufolge um elf Prozent geschrumpft – begleitet von Versorgungsengpässen, Stromausfällen und hoher Inflation. Der staatliche Einzelhandel verfügt weiterhin über ein landesweites Netz von Verkaufsstellen, das vor allem Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleidung anbietet. Allerdings ist das Sortiment dort oft begrenzt. Parallel dazu hat sich ein informeller Markt etabliert, auf dem private Anbieter jene Lücken schließen, die der Staatsapparat nicht mehr zu füllen vermag. Auf Märkten wie der Feria del Puente de la Calle 100 in Havanna verkaufen Hunderte Händler Produkte, die in staatlichen Geschäften nicht verfügbar sind. „Viele Dinge findet man im Staatssektor schlichtweg nicht“, sagt Diamela García, die dort Kleidung anbietet. Die Nachfrage ist hoch, obwohl die Preise deutlich über dem staatlichen Niveau liegen. „Hier bekommt man alles, auch wenn es teuer ist“, zitiert die Nachrichtenagentur REUTERS María Karla Hernández, eine 27-jährige Physiotherapeutin beim Einkauf. Der kubanische Ökonom Omar Everleny weist allerdings darauf hin, dass der Verkaufswert nicht mit dem tatsächlichen Warenvolumen gleichzusetzen sei. Während staatliche Produkte oft subventioniert würden, lägen die Preise im Privatsektor deutlich höher – was den höheren Umsatzanteil zumindest teilweise erkläre. „Der Staat verfügt kaum noch über Devisen, um Waren zu importieren“, sagt Everleny. „Private Anbieter sind in dieser Hinsicht flexibler“, so Everleny zu REUTERS Die wirtschaftliche Öffnung ist politisch umstritten. Fidel Castro hatte privatwirtschaftliche Aktivitäten als „Zugeständnis an den Feind“ abgelehnt. Sein Bruder und Nachfolger Raúl Castro hingegen bezeichnete sie als „strategisch“. Auch der heutige Präsident Miguel Díaz-Canel hält am staatlich dominierten Wirtschaftsmodell fest, gesteht dem Privatsektor jedoch eine wachsende Rolle zu – unter der Prämisse, dass staatliche Unternehmen vor allem im Großhandel ihre Führungsrolle behalten. Beobachter gehen davon aus, dass innerhalb der Parteiführung unterschiedliche Positionen zur Rolle des Privatsektors existieren. Während einige eine weitergehende Öffnung befürworten, warnen andere vor einer zu starken Marktliberalisierung. Wirtschaftsminister Joaquín Alonso sprach in der Nationalversammlung von einem Anstieg der Importe durch Privatunternehmen auf über eine Milliarde US-Dollar – ein Zuwachs von 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig sei die Zahl der defizitären Staatsbetriebe zurückgegangen, allerdings vor allem infolge gestiegener Preise, nicht aufgrund gestiegener Produktivität. „Wir wollen den Privatsektor nicht bekämpfen, sondern ihn gezielt lenken“, erklärte Alonso. Derzeit sind laut offiziellen Angaben rund 1,6 Millionen Menschen im privaten Sektor beschäftigt – bei einer Gesamtzahl von vier Millionen Erwerbstätigen. Damit hat sich der privatwirtschaftliche Teil der kubanischen Ökonomie zu einem festen Bestandteil des Systems entwickelt – in einem Staat, der einst jede Form privaten Unternehmertums unterdrückte.
Quellen: ONEI (https://t1p.de/y72rc), ONEI/Facebook (https://t1p.de/db8ww), REUTERS (https://t1p.de/j9xk9)
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Text: Leon Latozke
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