Neues aus Kuba
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01.07.2026 08:00 Uhr
Wo 1953 die kubanische Revolution begann, könnte nun ihr Ende eingeläutet werden: Santiago de Cuba erlebt eine Welle nächtlicher Proteste.
Aus der zweitgrößten Stadt Kubas werden fast täglich neue Kundgebungen gegen die Regierung gemeldet. Wie DER SPIEGEL in einer aktuellen Reportage berichtet, wächst in Santiago de Cuba der Unmut über Stromausfälle, leere Geschäfte und die anhaltende Wirtschaftskrise – und die Angst des Regimes vor der eigenen Bevölkerung wächst mit.
Santiago de Cuba, im äußersten Südosten der Insel gelegen, gilt als historischer Ausgangspunkt der kubanischen Revolution: Hier begann Fidel Castro 1953 mit dem Angriff auf die Moncada-Kaserne seinen bewaffneten Kampf gegen das Batista-Regime, hier verkündete er 1959 vom Balkon des Rathauses aus den Sieg der Revolution. Ein Mann, der aus Angst vor Verhaftung unter dem Pseudonym Alejandro Ramiro auftritt, ist überzeugt: „Alle wichtigen Veränderungen haben in Santiago begonnen.“ „Wer das Regime öffentlich kritisiert, landet im Knast“ Ramiro beschreibt die Lage in drastischen Worten: „Kuba ist am Ende, unsere Regierung korrupt und unfähig. Wir haben keinen Strom, kein Essen und keine Freiheit. Wir haben nichts mehr zu verlieren“, sagt der 59-Jährige. Wer das Regime öffentlich kritisiere, riskiere dabei viel – „Der landet im Knast“, so Ramiro. Er deutet auf einen braunweißen Betonklotz nahe der historischen Altstadt, an dessen Glasfront ein gigantisches Foto von Fidel Castro mit gereckter Faust prangt, daneben sein Bruder Raúl, beide in Uniform. „Das ist die Provinzzentrale der kommunistischen Partei“, erklärt Ramiro. Selbst hier habe es Mitte Juni Proteste gegeben: „Die Leute werden immer mutiger.“ Oppositionsmedien sprechen bereits von einer regelrechten Protestwelle in Santiago de Cuba und meldeten fast täglich neue Demonstrationen in etlichen Stadtteilen und Vororten. Und Ramiro it sich sicher: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis aus den vielen kleinen Protesten ein großer Protest wird“. Der „Cacerolazo“ – Symbol des Hungers Für die nächtlichen Kundgebungen existiert auf Kuba mittlerweile ein eigener Begriff: der „Cacerolazo“. Ramiro erklärt dem SPIEGEL die Symbolik: „Cacerola heißt Kochtopf, die Endung -azo steht für einen Schlag oder Hieb. Der leere Kochtopf ist ein Symbol dafür, dass wir nichts mehr zu essen haben.“ Mitte Juni sei in drei aufeinanderfolgenden Nächten in Santiago mit Töpfen und Pfannen Lärm gemacht worden, während Demonstrierende Parolen wie „Nieder mit der Diktatur!“ oder „Vaterland und Leben“ skandierten und in den unbeleuchteten Straßen Müllberge sowie alte Reifen anzündeten. Ramiro zieht auch einen historischen Vergleich: Vieles erinnert ihn an die Wendezeit in der DDR. Als junger Mann ist er nach Zwickau geschickt worden, um dort im sozialistischen Bruderstaat Trabbis zu montieren. Er hat damals die Menschen bewundert, die trotz der Angst vor der Stasi friedlich für ihre Freiheit demonstrierten. Er hofft, dass sich immer mehr Kubaner dieses Beispiel zum Vorbild nehmen. Abgehängt von Havanna Die Versorgungslage in der Stadt ist dramatisch. „In Santiago sind wir abgehängt vom Rest Kubas“, klagt Ramiro und verweist auf die riesige Zahl „969 km“, die als Distanz zur Hauptstadt Havanna auf einem Gebäude prangt. Wegen des Spritmangels erreichen kaum noch Waren die Stadt, selbst der Zug zwischen den beiden Metropolen verkehrt nur noch einmal im Monat statt wie früher viermal wöchentlich. „Unsere Geschäfte sind leer“, sagt Ramiro. Besonders die Bodegas, in denen der Staat subventionierte Lebensmittel verteile, haben seit Monaten keine Ware mehr erhalten. Als eigentliche Ursache des Elends gilt die anhaltende Stromkrise. Das marode thermische Kraftwerk „Antonio Maceo“, eine Anlage sowjetischer Bauart aus den Sechzigerjahren, läuft nur noch eingeschränkt. Seit die USA Ende Januar eine Ölblockade gegen Kuba verhängt haben, wird dort vor allem heimisches, extrem schweres und schwefelhaltiges Rohöl verbrannt. Es beschädigt Kessel, Rohrleitungen und Turbinen, sodass das Kraftwerk immer wieder ausfällt – allein seit Jahresbeginn 15 Mal. „In der Stadt gibt es nur ein bis zwei Stunden Strom am Tag“, so Ramiro. Einige Viertel sind bereits seit zehn Tagen komplett ohne Elektrizität. Die Folgen beschreibt er eindringlich: Nachts ist es ohne Klimaanlage oder Ventilatoren kaum auszuhalten, das Essen vergammelt in den Kühlschränken, die Pumpen der Wasserversorgung streiken. „Keine Dusche, keine Spülung für die Toilette, kein Wasser zum Kochen“ – und ohne Strom gebe es auch keine Arbeit, die meisten Büros, Betriebe und Geschäfte bleiben geschlossen. Zwei Sichtweisen auf die Krise Im Antiquariat der Stadt, wo ein alter Buchhändler seit 30 Jahren zwischen vergilbten Werken über Fidel Castro und Che Guevara ausharrt, wird eine andere Erklärung für die Misere laut. An seinen letzten Kunden kann sich der Mann kaum noch erinnern, ist sich aber sicher: „ Die US-Sanktionen haben uns kaputt gemacht.“ – die gängige Erzählung, die die Staatsführung seit Jahrzehnten verbreite und der besonders ältere Kubaner Glauben schenkten. Ramiro widerspricht dieser Lesart deutlich: Die Sanktionen erschwerten zwar die Lage, doch die Hauptverantwortung trage das Regime selbst. „Die meisten Plantagen hat der Staat verrotten lassen“, hält er dem Antiquar entgegen, der daraufhin nur mit den Schultern zuckt. Auf den Stufen einer Treppe mitten im Gassengewirr der Altstadt bereite eine Familie ihr Essen inzwischen über offenem Feuer zu, mangels Gas kocht ganz Kuba mit Kohle oder Holz. „Wir leben wieder wie in der Steinzeit“, kommentiert Ramiro die Szene. „Das ist doch kein Leben mehr“, so Ramiro. Auch die von der Regierung jüngst angekündigten Lockerungen für die Privatwirtschaft reichten ihm nicht. „Sie muss weg – so schnell wie möglich.“ Angst auf beiden Seiten Doch nicht nur die Demonstrierenden haben Angst vor Repression, sondern auch das Regime selbst reagiert nervös. So sind die traditionellen Straßenumzüge zum Auftakt der Karnevalssaison in Santiago Ende Juni spontan abgesagt worden – als offizielle Begründung ist die „aktuelle politisch-ideologische Situation“ genannt worden. Bereits 2025 hat es während der Umzüge regierungskritische Sprechchöre gegeben. Zum Ablauf der Proteste erläutert Ramiro dem SPIEGEL: „Sie dauern nie lange. Sobald es Proteste gibt, erste Fotos über WhatsApp oder Facebook verbreitet werden, wird das Internet abgeschaltet.“ Danach tauchten regelmäßig die „Boinas Negras“ auf, die Schwarzbarette – eine Sondereinheit der Polizei, die für ihre Brutalität bekannt ist. Nur selten werden Demonstrierende jedoch direkt vor Ort verhaftet, „weil das die Situation anheizen könnte“, erklärt Ramiro. Spitzel mischen unter die Protestierenden, filmen und fotografieren. „Wer identifiziert wird, bekommt am nächsten Tag Besuch von der Polizei.“ Deshalb gibt es auch nur wenige Bilder von den Protesten – wer fotografiert, ist suspekt und eine Gefahr für alle Teilnehmenden, da die Polizei häufig Telefone konfisziert, um sie auszuwerten. Ein Gerücht macht die Runde Ramiro hofft auf einen baldigen Umbruch – und zitiert dabei ein Gerücht, das in der Stadt kursiert: „Bis zum 26. Juli, dem Jahrestag des Angriffs auf die Kaserne, soll unsere Führung ausgeschaltet werden.“ Zugleich macht er sich keine Illusionen über die Motive eines möglichen US-Eingreifens: „Ich bin nicht dumm“, sagt er, den Amerikanern gehe es um Macht, nicht darum, dem kubanischen Volk zu helfen. „Aber Hauptsache, es ändert sich überhaupt etwas. Schlimmer als jetzt kann es nicht werden.“ Zu einem möglichen Vorgehen der USA gegen den früheren Präsidenten Raúl Castro, der Ende Januar in den USA angeklagt worden sei und als heimlicher Strippenzieher des Landes gilt sagt Ramiro unumwunden: „Wenn die Amerikaner Raúl holen, weine ich ihm keine Träne nach.“ Für die USA habe Raúl als „Revolutionär der ersten Stunde“ eine größere symbolische Bedeutung als der amtierende Präsident Miguel Díaz-Canel, so Ramiros Einschätzung . Ein einstiger Anhänger Castros wendet sich ab Er sei einst selbst Anhänger des Kommunismus gewesen und habe Fidel Castro verehrt, gibt Ramiro zu. „Er war immer für uns da, besonders in schweren Zeiten“, sagt er. Schon oft hat er den Friedhof Santa Ifigenia in Santiago besucht, wo die Asche des Revolutionsführers unter einem schlichten Monolithen mit der Inschrift „FIDEL“ ruht. Wenige Meter neben dem Grab ist Castros „Konzept der Revolution“ in eine Betonwand eingraviert – 14 Thesen, die jede Kubanerin und jeder Kubaner in der Schule als eine Art Gelöbnis unterschreiben muss. Ramiro kennt sie auswendig. „Die Ideale sind gut“, sagt er über Castros Forderungen nach „vollkommener Gleichheit und Freiheit“, „Bescheidenheit, Uneigennützigkeit, Altruismus, Solidarität und Heroismus“. Doch davon sei kaum etwas übrig geblieben. Er zitiert die erste These aus Castros „Konzept der Revolution“: „Revolution bedeutet, alles zu ändern, was geändert werden muss.“ Und fügt lächelnd hinzu: „Ich hoffe, dass dieser Tag nicht mehr lange auf sich warten lässt.“
Quelle: DER SPIEGEL (https://t1p.de/gntr9)
Autor: Leon Latozke
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