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Ein vietnamesisches Agrarunternehmen hat in Kuba erstmals Reis auf gepachteten Staatsflächen angebaut – mit beachtlichem Erfolg: Die Ernteerträge lagen fast viermal über dem kubanischen Durchschnitt.
02.08.2025 08:32 Uhr
Mitten in einer tiefgreifenden Agrarkrise sorgt ein vietnamesisches Pilotprojekt im Westen Kubas für Aufmerksamkeit. In der Provinz Pinar del Río erzielte das Unternehmen Agri VMA auf gepachteten Reisfeldern außergewöhnlich hohe Erträge – weit über dem kubanischen Landesdurchschnitt. Der Versuch könnte zu einem Modell für die Zukunft der kubanischen Landwirtschaft werden.
Im Sommer 2025 wurde auf einer 44 Hektar großen Fläche nahe der Ortschaft Los Palacios erstmals vietnamesischer Reis geerntet – mit einem Ertrag von 6,75 Tonnen pro Hektar. Dieser Wert liegt fast viermal so hoch wie der kubanische Landesdurchschnitt von lediglich 1,7 Tonnen im Vorjahr. Verantwortlich für das Ergebnis ist eine Kooperation zwischen dem vietnamesischen Privatunternehmen Agri VMA und dem kubanischen Staatsbetrieb Empresa Agroindustrial de Granos Los Palacios. Die Bilanz der ersten Ernte fällt positiv aus und wird in Havanna aufmerksam verfolgt. Grundlage des Projekts ist die erstmalige Vergabe von Nießbrauchrechten an ein ausländisches Unternehmen – ein Novum seit der Enteignung aller ausländischen Landbesitzer nach der kubanischen Revolution von 1959. Das Modell sieht vor, dass die Flächen weiterhin im Besitz des Staates bleiben, aber von Agri VMA weitgehend eigenständig bewirtschaftet werden. Der geerntete Reis wird nicht exportiert, sondern direkt an den kubanischen Staat verkauft, um die chronisch defizitäre Eigenversorgung zu stärken. Die Zahlen sprechen für sich: Die 296 Tonnen Rohreis, die auf den 44 Hektar geerntet wurden, nähern sich den Werten vietnamesischer Großbetriebe an, die im Schnitt auf rund acht Tonnen pro Hektar kommen. Möglich wurde dies durch Hybrid-Saatgut aus Vietnam, den gezielten Einsatz von Düngemitteln sowie durch die technische Unterstützung vietnamesischer Agrarwissenschaftler. Der kubanische Projektleiter Ariel García Pérez sieht darin einen Wendepunkt: „Wir sehen, welches Potenzial auf unseren Böden schlummert, wenn wir Zugang zu den richtigen Ressourcen haben.“ Dabei ist das Projekt mehr als ein technisches Experiment. Es fällt in eine Phase, in der die kubanische Landwirtschaft unter massiven strukturellen und wirtschaftlichen Problemen leidet. Treibstoff, Dünger, Ersatzteile und moderne Maschinen sind Mangelware, die staatlich festgelegten Produktionsquoten gelten als innovationshemmend. Die Folge: Eine rapide sinkende Produktion. Besonders dramatisch ist die Lage beim Reis, einem Grundnahrungsmittel der kubanischen Bevölkerung. Der Eigenbedarf wird derzeit zu fast 90 Prozent durch Importe gedeckt – zu Kosten von über 300 Millionen US-Dollar jährlich, wie die Parteizeitung Granma berichtet. Der wirtschaftliche Nutzen des Projekts liegt auf der Hand: Reis, der in Kuba wächst und mit ausländischer Hilfe geerntet wird, ersetzt Importware, spart Devisen und vermeidet logistische Hürden. Aufgrund des US-Embargos ist es für Kuba oft schwierig, überhaupt internationale Reedereien für Getreidetransporte zu gewinnen. Ein bemerkenswerter Aspekt ist auch die Art der Zusammenarbeit. Agri VMA stellte nicht nur eigene Spezialisten und Betriebsmittel, sondern beschäftigt auch 40 kubanische Arbeiter direkt – ein in Kuba bisher unübliches Modell, wo Beschäftigung meist über staatliche Vermittlungsagenturen geregelt wird. Der Rest des Personals kommt vom kubanischen Staatsbetrieb, der Dienstleistungen wie Pflügen, Ernte und Weiterverarbeitung erbringt. Die Fläche unter vietnamesischer Bewirtschaftung beträgt derzeit rund 1.000 Hektar, wovon mehr als 900 Hektar 2025 bereits bepflanzt wurden. Langfristig soll die Fläche auf bis zu 5.000 Hektar ausgeweitet werden. Projektleiter García Pérez denkt sogar über eine Ausweitung auf andere Provinzen nach. Ziel sei es, Importe zu reduzieren und gleichzeitig Know-how und Technologie aus dem Ausland zu integrieren – unter staatlicher Aufsicht, aber mit unternehmerischer Effizienz. Die hohe Produktivität der ersten Ernte könnte nun zur Blaupause für ähnliche Kooperationen werden. Zwar handelt es sich um ein auf drei Jahre begrenztes Pilotprojekt, doch die Signalwirkung ist unübersehbar. In einem von Ressourcenknappheit und struktureller Stagnation geprägten Umfeld zeigt das vietnamesisch-kubanische Modell, was unter günstigen Bedingungen möglich ist. Es bricht mit Tabus – nicht ideologisch, sondern praktisch.
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Text: Leon Latozke
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