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Die farbenfrohen Gehäuse der Polymita-Schnecken gelten als biologisches Kuriosum – und werden ihnen zunehmend zum Verhängnis. In einem gemeinsamen Projekt versuchen kubanische und britische Wissenschaftler, das Überleben der endemischen Arten zu sichern. Die Herausforderungen sind zahlreich – und nicht nur biologischer Natur.
07.08.2025 07:37 Uhr
In den Wäldern Ostkubas lebt ein Weichtier, das unter Sammlern längst zur begehrten Trophäe geworden ist: die Polymita, eine Gattung von Landschnecken mit auffällig bunt gemusterten Gehäusen. Sechs Arten sind bislang bekannt, alle sind ausschließlich auf der Karibikinsel beheimatet. Ihre außergewöhnliche Farbvielfalt macht sie nicht nur zu einem faszinierenden Forschungsobjekt, sondern auch zu einem gefährdeten Tier – Opfer eines lukrativen, teilweise illegalen Handels.
Ein binationales Forschungsvorhaben soll die Tiere nun vor dem Aussterben bewahren. Beteiligt sind der kubanische Biologe Bernardo Reyes-Tur von der Universidad de Oriente in Santiago de Cuba und der britische Evolutionsgenetiker Angus Davison von der University of Nottingham. Während in Nottingham genetische Analysen durchgeführt werden, widmet sich Reyes-Tur in Kuba unter teils prekären Bedingungen der Nachzucht in Gefangenschaft. In seinem Privathaus hält er mehrere Exemplare der Schnecken, obwohl Stromausfälle und hohe Temperaturen die Zucht erheblich erschweren. Ziel des Projekts ist es, die genetische Struktur der Polymita-Arten zu entschlüsseln, um evolutionäre Zusammenhänge aufzuklären und Grundlagen für Schutzmaßnahmen zu schaffen. In Nottingham lagern Gewebeproben der Schnecken in kryogenen Tiefkühlsystemen. Mithilfe moderner Sequenzierungstechniken will das Team herausfinden, welche genetischen Faktoren für die Farbgebung verantwortlich sind – ein Phänomen, das bislang nicht abschließend erklärt werden konnte. Denn auffällige Farben gelten im Tierreich gemeinhin als Nachteil im Überlebenskampf – bei den Polymita jedoch ist das Gegenteil der Fall. Ihre leuchtenden Gehäusemuster dienen nicht dem Schutz, sondern machen sie zu begehrten Objekten im Souvenirhandel. Insbesondere die Art Polymita sulphurosa, mit limonengrüner Grundfarbe, blauen Flammenmustern und orangefarbenen Bändern, ist akut vom Aussterben bedroht. Obwohl das Washingtoner Artenschutzabkommen CITES die Ausfuhr der Tiere und ihrer Gehäuse aus Kuba ohne Genehmigung verbietet, wird der internationale Handel nur unzureichend reguliert. In einer gemeinsamen Online-Recherche fanden Davison und die BBC-Reporterin Victoria Gill mehrere Verkaufsangebote von Polymita-Gehäusen auf britischen Plattformen. Eine Sammlung von sieben Schalen wurde dort für 160 Pfund angeboten. Zwar sind solche Angebote außerhalb Kubas nicht illegal – doch sie unterlaufen den Artenschutz erheblich. Auch auf Kuba selbst floriert der Handel. Polymita-Schalen werden in staatlichen und privaten Läden ebenso wie auf dem Schwarzmarkt angeboten. Ein Bericht der Parteizeitung Granma dokumentierte bereits 2015 eine hohe Aktivität im illegalen Handel mit Polymita-Schnecken in den Gemeinden Baracoa, Imías und Maisí in der Provinz Guantánamo – bis heute scheint sich daran wenig geändert zu haben. Die Bedrohung der Polymita beschränkt sich jedoch nicht allein auf den Handel. Auch der Verlust ihres Lebensraums durch Entwaldung und der Klimawandel setzen den Populationen zu. Wissenschaftler warnen, dass bereits geringfügige Störungen – etwa durch Sammler – zum Zusammenbruch lokaler Bestände führen können. Der Lebensraum der Tiere beschränkt sich auf ein kleines Gebiet im Osten der Insel. Sollte die Bedrohung anhalten, könnte das weltweite Aussterben einzelner Arten die Folge sein. Ein Hoffnungsschimmer ist die zunehmende wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Im Juni 2025 veröffentlichten Reyes-Tur und Davison gemeinsam mit ihren Teams das mitochondriale Genom von Polymita picta – ein wichtiger Schritt zur taxonomischen Einordnung. Die Art wurde 2022 zur „Schnecke des Jahres“ gewählt, ein Titel, der vom Deutschen Zentrum für Genomforschung in Zusammenarbeit mit der Unitas Malacologica vergeben wird. Parallel bemüht sich das Team, die Polymita in die Rote Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) aufnehmen zu lassen. Eine offizielle Gefährdungseinstufung würde internationalen Schutzbemühungen neuen Schub verleihen. Unterstützt wird das Projekt dabei auch von Dave Clarke, Invertebratenexperte des London Zoo. Bei einer Expedition in ein abgelegenes Gebiet in Ostkuba konnten Clarke und Davison eine Population der seltensten Art nachweisen – gleichzeitig beobachteten sie frische Zerstörungen im Habitat. Langfristig hoffen die Forscher, ein Erhaltungszuchtprogramm etablieren zu können. Die genetischen Daten sollen helfen, Artgrenzen klar zu definieren und Prioritäten für Schutzmaßnahmen zu setzen. Noch befinden sich die Zuchtbemühungen in einem frühen Stadium. Reyes-Tur berichtet, dass die Tiere in seinem Heim zwar wohlauf seien, aber sich bislang nicht vermehrt hätten. Die Bedingungen bleiben schwierig – nicht zuletzt aufgrund der maroden kubanischen Infrastruktur. Ob das Projekt erfolgreich sein wird, bleibt offen. Fest steht jedoch: Ohne wissenschaftlich fundierte Schutzmaßnahmen, internationale Kooperation und konsequente Kontrolle des Handels droht eines der einzigartigsten Naturwunder Kubas – und ein wertvolles Forschungsobjekt – unwiederbringlich verloren zu gehen.
Quelle: BBC (https://t1p.de/kxlyg)
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Text: Leon Latozke
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