Neues aus Kuba
Solarpanels, Akku-Ventilatoren, Einkauf im Dunkeln – Kubas Alltag zwischen den Stromausfällen5/8/2026
06.08.2026 07:00 Uhr
Kubas Energiekrise ist zum Dauerzustand geworden. Die Menschen auf der Karibikinsel haben sich an einen Zustand angepasst, der andernorts als humanitäre Notlage gelten würde.
Abbildung: Transformator an einem Mast in Baracoa (Bildquelle: Sarang, BCA Distribution transformer 2, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC0 1.0)
Während Kubas Stromnetz binnen 24 Stunden zweimal komplett zusammenbrach, hat sich in den Straßen Havannas längst eine eigene Überlebenslogik etabliert. Batteriebetriebene Ventilatoren, private Solarpaneele, ein durchgetakteter Einkaufsrhythmus und ein informelles Verkehrssystem auf Basis von Elektro-Bicitaxis – die kubanische Bevölkerung improvisiert sich durch eine Krise, die längst zum Dauerzustand geworden ist.
Der Kollaps als Hintergrundrauschen
Zwei landesweite Zusammenbrüche des nationalen Elektroenergiesystems (SEN) innerhalb eines einzigen Tages – für die kubanische Bevölkerung ist das inzwischen kein spektakuläres Einzelereignis mehr, sondern die Zuspitzung eines Zustands, an den man sich seit Monaten notgedrungen gewöhnt hat. Es handelt sich bereits um den siebten flächendeckenden Blackout binnen eines Jahres. Anders als bei früheren, meist kurzfristigen Störungen berichten Betroffene inzwischen von Ausfällen, die sich über volle 24 Stunden erstrecken können, ohne dass in dieser Zeit überhaupt Strom fließt.
Diese Verschiebung – weg von stundenweisen Unterbrechungen, hin zu ganztägigen Totalausfällen – hat den Alltag vieler Familien grundlegend verändert. Wo früher improvisiert wurde, um einzelne stromlose Stunden zu überbrücken, braucht es heute belastbarere, dauerhaftere Lösungen. Kühlung ohne Stromnetz: Batterie-Ventilatoren als Standardausrüstung
Eine der sichtbarsten Anpassungen im tropischen Klima Kubas betrifft die Kühlung. akkubetriebene, wiederaufladbare Ventilatoren, die in den wenigen Stunden mit Netzstrom oder über private Solarpanels aufgeladen werden haben sich in vielen Haushalten inzwischen zur Grundausstattung entwickelt – ein direkter Ersatz für die klassischen Deckenventilatoren, die ohne Netzstrom nutzlos sind. Gerade in den Sommermonaten, wenn Hitze und Luftfeuchtigkeit ohnehin hoch sind, machen mehrstündige oder ganztägige Stromausfälle solche batteriebetriebenen Alternativen für viele Familien praktisch unverzichtbar.
Ein Großteil der gefragten Modelle ist dabei nicht auf reine Kühlung beschränkt, sondern als multifunktionales Krisengerät konzipiert: LED-Beleuchtung, USB-Ladeanschluss fürs Mobiltelefon und teils sogar ein integriertes Solarpanel gehören bei vielen Geräten zum Standard. Damit übernehmen diese Ventilatoren im Alltag gleich mehrere Funktionen zugleich, die sonst separate Geräte – Lampe, Powerbank, Ventilator – erfordern würden. Angesichts anhaltender Nachfrage haben sich entsprechende Angebote von Auslandskubanern, etwa aus Miami, zu einem festen Bestandteil der Versorgungsketten für Familien auf der Insel entwickelt. Private Solarenergie als Notlösung
Parallel dazu setzen immer mehr Kubaner auf eigene, kleine Solarpaneele, um sich zumindest teilweise vom instabilen öffentlichen Netz unabhängig zu machen. Auch wenn diese privaten Anlagen in der Regel nicht ausreichen, um einen ganzen Haushalt vollständig zu versorgen, ermöglichen sie doch oft das Nötigste: Licht am Abend, das Aufladen von Mobiltelefonen und damit den Zugang zu Kommunikation und Information – gerade in einer Situation, in der verlässliche Nachrichten über die Dauer und Ursache der jeweiligen Ausfälle oft schwer zu bekommen sind.
Die Investition in Solartechnik ist dabei weniger Ausdruck von Wohlstand als vielmehr eine Reaktion auf schiere Notwendigkeit: Wer es sich irgend leisten kann, sichert sich ab, weil auf eine zeitnahe Reparatur des staatlichen Netzes kaum noch Verlass ist. Einkaufen nach dem Stromplan, nicht nach der Uhr
Auch das Konsumverhalten hat sich den unregelmäßigen Stromzeiten angepasst. Weil Kühlketten ohne durchgängige Stromversorgung nicht zu halten sind, richten viele Kubaner ihre Einkäufe gezielt an den wenigen Stunden aus, in denen tatsächlich Strom verfügbar ist – nicht an festen Uhrzeiten oder Wochentagen, sondern am tatsächlichen, oft kurzfristig bekannt werdenden Versorgungsfenster. Das bedeutet in der Praxis: Wer erfährt, dass gerade Strom da ist, nutzt das Zeitfenster, um Kühlware zu kaufen, Kochen zu erledigen oder Geräte aufzuladen – unabhängig davon, ob es morgens, mittags oder nachts ist.
Dieser reaktive, an die Netzverfügbarkeit gekoppelte Tagesrhythmus prägt inzwischen den Alltag ganzer Stadtviertel und zeigt, wie tief die Energiekrise mittlerweile in alltägliche Routinen eingedrungen ist, die früher selbstverständlich waren. Bicitaxis: Das inoffizielle Rückgrat der Mobilität
Auch die Mobilität hat sich an die neue Realität angepasst. Elektrisch betriebene Fahrrad-Taxis, in Kuba als Bicitaxis bekannt, gehören zu den wenigen Transportmitteln, die von den Netzausfällen kaum betroffen sind, da sie nicht direkt auf das öffentliche Stromnetz angewiesen sind. Für viele Menschen in Havanna sind sie längst zu einem festen, verlässlichen Bestandteil der täglichen Fortbewegung geworden – gerade dann, wenn andere, stromabhängige Verkehrsmittel oder auch der klassische Kraftstoffverkehr wegen der parallelen Treibstoffknappheit eingeschränkt sind.
Dieses informelle, dezentrale Transportsystem füllt damit eine Lücke, die der offizielle öffentliche Nahverkehr angesichts von Energie- und Treibstoffmangel zunehmend hinterlässt. Eine Bevölkerung im Dauer-Improvisationsmodus
Was sich in der Summe zeigt, ist weniger eine kurzfristige Krisenreaktion als eine strukturelle Anpassung an einen neuen Normalzustand. Batterie-Ventilatoren, private Solarpaneele, ein am Stromangebot orientierter Einkaufsrhythmus und alternative Mobilitätsformen wie die Bicitaxis sind keine vorübergehenden Notmaßnahmen mehr, sondern feste Bestandteile eines kubanischen Alltags, der sich faktisch an ein Leben ohne verlässliche zentrale Energieversorgung angepasst hat.
Diese Eigeninitiative der Bevölkerung ersetzt dabei nicht die strukturellen Lösungen, die es bräuchte – marode Kraftwerke, fehlende Ersatzteile und akuter Treibstoffmangel bleiben ungelöste Kernprobleme des kubanischen Energiesektors. Sie zeigt aber, mit welcher Beharrlichkeit Millionen Kubaner einen Zustand bewältigen, der andernorts längst als humanitäre Notlage gelten würde.
Quellen: EL PAÍS, CNN Español
Autor: Leon Latozke
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