|
07.09.2026 08:00 Uhr
Ein Informatikstudent aus Havanna erklärt auf Instagram, wie man ohne Strom kocht, kühlt und online bleibt. Sein Video zu einer selbstgebauten Handy-Antenne hat fast 800.000 Aufrufe – Symbol für Kubas kreativen Kampf gegen den Blackout-Alltag.
Wenn in Caraballo, einer ehemaligen Zuckerstadt östlich von Havanna, abends das Licht ausgeht, greift Dayán Marrero zur Handykamera. Der Informatikstudent an der Landwirtschaftlichen Universität Havannas ist so etwas wie der inoffizielle Überlebenscoach seines Landes geworden: Auf Instagram zeigt er, wie man Essen ohne Kühlschrank haltbar macht, mit einer selbstgebauten Antenne noch ein schwaches Mobilfunksignal empfängt und die Handybatterie über Tage streckt. Ein Video über seine Antennen-Konstruktion nähert sich 800.000 Aufrufen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal ein Content Creator werde", sagt Marrero – und bringt damit auf den Punkt, wie sehr sich in Kuba gerade der Alltag neu erfindet.
Ein Land ohne Öl
Die Wurzel der Krise liegt in Washington und Caracas. Am 3. Januar 2026 ließ US-Präsident Donald Trump Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro und dessen Frau bei einer nächtlichen Militäroperation festnehmen und in die USA ausfliegen. Damit versiegte für Kuba eine der wichtigsten Öllieferquellen: Venezuela hatte der Insel zuletzt subventioniertes Rohöl geliefert, im Gegenzug für kubanisches Sicherheitspersonal und ärztliche Hilfe. Ende Januar stoppte auch Mexiko, Kubas zweitgrößter Öllieferant, vorübergehend seine Lieferungen. Trump machte über seinen Kurznachrichtendienst unmissverständlich klar, worauf er hinauswollte: „Es wird kein Öl und kein Geld mehr nach Kuba gehen – null!" Wenige Tage später unterschrieb er eine Verfügung, die Staaten mit Strafzöllen belegt, sollten sie weiter Öl nach Kuba verkaufen.
Die Folgen sind seither im ganzen Land zu spüren. Blackouts von zwölf, teils über zwanzig Stunden gehören inzwischen zum Alltag; Anfang August erlebte die Insel binnen weniger Tage bereits ihren sechsten landesweiten Stromausfall des Jahres, von dem rund zehn Millionen Menschen betroffen waren. Krankenhäuser mussten wiederholt geplante Operationen verschieben, Zehntausende Patienten warten auf verschobene Eingriffe. Improvisation als Überlebensstrategie
Wo der Staat nicht mehr liefert, improvisieren die Menschen. In Viñales, einem der touristischen Zentren im Westen der Insel, kocht der 57-jährige Bootsführer Osiris Hernández inzwischen mit Holzkohle und betreibt sein Gästehaus über ein Solarpanel mit Wechselrichter – genug, um zumindest eine Gefriertruhe am Laufen zu halten. Auf der Agrarökofarm El Olivo erhitzt Landwirt Osnel Corrales Milch über Holzkohlefeuer und kühlt sie anschließend mit Solarstrom, weil Diesel für den eigenen Generator kaum noch zu bekommen ist. Sein Hof beliefert weiterhin einen Laden in Viñales und Kunden in Havanna mit Joghurt und Käse – auch wenn wegen des Touristenschwunds die Nachfrage einbricht.
Auch der Verkehr hat sich neu erfunden: Weil Dieselbusse fehlen, übernehmen private Betreiber in Havanna zunehmend solarbetriebene Fahrrad-Rikschas. Fahrer wie Augusto zahlen umgerechnet rund 15 Dollar Tagesmiete für ein Dreirad mit Verbrennermotor, drei Akkus und einem Solarpanel auf dem Dach, das tagsüber nachlädt. Bis zu sechs Fahrgäste passen hinein; Betreiber haben die 1,8-Millionen-Einwohner-Stadt inzwischen in Routen aufgeteilt, die sich nach Distanz und Akkukapazität richten. Eine Solar-Revolution unter Embargo-Druck
Aus der Not ist auch ein rasanter Ausbau der Solarenergie entstanden. Laut Daten der Energie-Denkfabrik Ember stammten 2024 erst 3,6 Prozent von Kubas Strom aus erneuerbaren Quellen, 2025 waren es bereits rund 10 Prozent; die Regierung strebt für 2026 einen Anteil von 15 Prozent an. Möglich macht das vor allem chinesische Unterstützung: Der Wert der aus China importierten Solarpanels stieg von rund drei Millionen US-Dollar im Jahr 2023 auf 117 Millionen Dollar im Jahr 2025. Peking und Havanna haben zudem eine Vereinbarung über den Bau von 92 Solarparks bis 2028 getroffen.
Ganz löst das die Krise jedoch nicht: Kubas Stromnetz ist auf fossile Grundlast ausgelegt und verfügt bislang kaum über Batteriekapazitäten, um Solarstrom auch nachts verfügbar zu machen. Und die Energiewende verläuft alles andere als sozial gleich verteilt – wer Ersparnisse oder Verwandte im Ausland hat, kann sich Solarpanels und Lithiumbatterien leisten, wer nicht, kocht auf offener Flamme. Beobachter sprechen bereits von einer neuen sozialen Bruchlinie. Der Tourismus bricht ein
Während die einen improvisieren, bleiben die anderen einfach weg. Kubas für Deviseneinnahmen zentrale Tourismusbranche erlebt 2026 einen historischen Einbruch: Kamen 2018 noch rund 4,7 Millionen ausländische Besucher, waren es 2025 nur noch etwa 1,8 Millionen. In den ersten sieben Monaten 2026 brach die Zahl der Ankünfte nach offiziellen Angaben um weitere 62 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein. Besonders hart traf es den kanadischen Markt, lange Zeit Kubas wichtigste Quelle für Touristen: Nach Treibstoffengpässen an kubanischen Flughäfen mussten rund 27.900 gestrandete kanadische Urlauber ausgeflogen werden, nachdem mehr als 1.700 Flüge gestrichen worden waren.
Kein schnelles Ende
Analysten vergleichen Kubas Lage zunehmend mit der Energiekrise im Libanon, wo jahrelange Treibstoffabhängigkeit und politische Dysfunktion zu privaten Generatoren und Solaranlagen auf beinahe jedem Dach geführt haben. Selbst wenn die Öllieferungen morgen wieder aufgenommen würden, sei die strukturelle Erosion von Kubas Stromnetz nicht über Nacht zu beheben – und selbst wenn alle geplanten Solarparks pünktlich ans Netz gingen, bräuchte der Ausbau Jahre und weiterhin Batteriespeicher für die Nacht. Bis dahin bleibt Kubanerinnen und Kubanern wie Dayán Marrero, Osiris Hernández und den Fahrern von Havannas solarbetriebenen Rikschas vor allem eines: improvisieren.
Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
Dossiers
Mediathek
Anzeige (M2) Anzeige (G4) Achiv
Archiv
September 2026
|

RSS-Feed