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Kuba steckt in einer tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Krise. Armut und Ungleichheit nehmen sichtbar zu, während staatliche Maßnahmen zunehmend an Vertrauen verlieren. Eine umstrittene Aussage der ehemaligen Arbeitsministerin löste eine politische Kontroverse aus – und lenkte den Blick auf strukturelle Missstände.
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Die wirtschaftliche und soziale Lage in Kuba verschärft sich weiter. Sichtbar wird dies nicht nur auf den Straßen der Hauptstadt Havanna, sondern auch im politischen Diskurs der Führungsspitze. Eine umstrittene Aussage der bisherigen Arbeitsministerin Marta Elena Feitó hat die Debatte über Armut und soziale Ungleichheit neu entfacht – und offenbart die wachsende Diskrepanz zwischen offizieller Rhetorik und der Realität vieler Kubaner.
Empörung über Ministeräußerung Den Auslöser lieferte Feitó Anfang der Woche während einer Sitzung des kubanischen Parlaments. Dort erklärte sie, es gebe in Kuba keine echten Bettler, sondern lediglich Personen, die sich „verkleideten“, um ein „leichtes Leben“ zu führen. Gleichzeitig rief sie dazu auf, diesen Menschen kein Geld zu geben. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Präsident Miguel Díaz-Canel distanzierte sich öffentlich von der Aussage und sprach sich gegen „Arroganz und Abgehobenheit“ aus. Noch am selben Tag trat Feitó von ihrem Amt zurück. Der Vorfall hat politische Nachwirkungen. Beobachter wie der ehemalige Diplomat Carlos Alzugaray kritisieren, dass Feitó während ihrer Rede von Abgeordneten des Einparteienparlaments beklatscht wurde – ein Zeichen dafür, dass ihre Haltung im Regierungssystem nicht isoliert war. Auch die kubanische Wissenschaftlerin Hilda Landrove betonte in einem Interview mit der Nachrichtenagentur EFE , dass Minister in Kuba keine Einzelentscheidungen treffen. Politische Maßnahmen würden im Ministerrat abgestimmt, basierend auf Vorgaben des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Feitós Aussagen stünden daher sinnbildlich für eine institutionelle Haltung, die gesellschaftliche Missstände systematisch ausblendet. Wachsende soziale Schieflage Unabhängige Experten beobachten seit Jahren eine zunehmende soziale Ungleichheit auf der Insel. Die Ursachen sind vielfältig: eine seit Jahren andauernde Wirtschaftskrise, die Auswirkungen der Pandemie, aber auch strukturelle Fehlentscheidungen innerhalb der kubanischen Wirtschaftspolitik. Dazu zählt vor allem die Währungsreform von 2021, mit der der kubanische Peso (CUP) zur alleinigen Landeswährung erklärt wurde, sowie die partielle Dolarisierung der Wirtschaft. Laut offiziellen Schätzungen leben etwa drei Prozent der kubanischen Bevölkerung – rund 310.000 Menschen – in einer „Situation der Verwundbarkeit“. Zwischen 2014 und 2023 wurden 3.600 Personen als obdachlos oder in prekären Wohnverhältnissen registriert. Tatsächlich dürfte die Zahl deutlich höher liegen. Ein Indikator für die Entwicklung ist der Gini-Koeffizient, der soziale Ungleichheit misst. Lag er 1989 noch bei 0,25 – ein Wert, der für relativ geringe Ungleichheit steht – so liegt er heute nach Medienberichten bei 0,4 bis 0,5. Damit befindet sich Kuba im Bereich des lateinamerikanischen Durchschnitts. Die seit Jahrzehnten propagierte soziale Gleichheit existiert de facto nicht mehr. Zudem ist die Kaufkraft in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken. Der Wirtschaftswissenschaftler Pedro Monreal schätzt, dass die realen Durchschnittslöhne zwischen 2021 und 2024 inflationsbereinigt um mehr als ein Drittel gefallen sind. Besonders betroffen sind Beschäftigte im Staatsdienst und Rentner, deren Einkommen fast ausschließlich in der nationalen Währung ausgezahlt wird. Díaz-Canel räumt Probleme ein Wie EFE berichtete, räumte Präsident Díaz-Canel nun erstmals öffentlich ein, dass die Dolarisierung der Wirtschaft zur sozialen Spaltung beigetragen habe. In seiner Abschlussrede zur Parlamentssitzung erklärte er, man habe sich aus ökonomischer Not zu diesem Schritt gezwungen gesehen, um Devisen zur Deckung des Grundbedarfs zu beschaffen. Gleichzeitig habe die Maßnahme aber jene begünstigt, die Zugang zu Dollar oder anderen Fremdwährungen haben – sei es durch private Geschäfte oder durch Geldsendungen aus dem Ausland. Diese Gruppe profitiere vom dualen Währungssystem, während breite Teile der Bevölkerung zunehmend abgehängt würden. Kuba ist in hohem Maße von Importen abhängig. Laut Angaben der Vereinten Nationen stammen rund 80 Prozent der konsumierten Güter aus dem Ausland. Ohne ausreichende Deviseneinnahmen – etwa durch Tourismus oder Export – bleibt der Spielraum der Regierung begrenzt. Die seit 1960 bestehenden US-Sanktionen, die durch die Einstufung Kubas als „terrorunterstützender Staat“ unter der Trump-Administration weiter verschärft wurden, verschärfen die Lage zusätzlich. Allerdings verweisen unabhängige Experten darauf, dass viele aktuelle Probleme hausgemacht sind – etwa durch falsche Anreize, eine ineffiziente Planwirtschaft und die Vernachlässigung des Agrarsektors. Vertrauensverlust in die Landeswährung Ein weiteres Symptom der Krise ist der massive Wertverfall des kubanischen Pesos. Auf dem informellen Markt erreichte der US-Dollar Mitte Juli einen Kurs von 387 CUP, der Euro lag bei 432 CUP. Der offizielle Mindestlohn von rund 2.100 CUP entspricht damit umgerechnet weniger als fünf US-Dollar. Die Folge: Lebensnotwendige Güter sind für viele unerschwinglich geworden. Die Regierung kündigte an, in der zweiten Jahreshälfte ein neues Währungsmodell einführen zu wollen. Premierminister Manuel Marrero stellte eine kontrollierte, aber marktorientierte Wechselkursregelung in Aussicht. Ziel sei es, die bestehenden Verzerrungen zu beseitigen und die Wirtschaft zu stabilisieren. Doch auf den Parallelmärkten blieben die Kurse hoch – ein Zeichen für das anhaltende Misstrauen der Bevölkerung gegenüber staatlichen Maßnahmen. Ausblick ungewiss Kuba befindet sich an einem kritischen Wendepunkt. Die wirtschaftliche Lage bleibt angespannt, die gesellschaftliche Ungleichheit nimmt weiter zu. Zwar erkennt die Regierung inzwischen zumindest Teile der Probleme an. Doch ob die angekündigten Reformen ausreichen, um den Negativtrend zu stoppen, ist offen. Die Bevölkerung reagiert zunehmend mit Resignation – oder mit Auswanderung. Die soziale Schere klafft so weit auseinander wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die politische Führung steht vor der Herausforderung, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen – und eine wirtschaftliche wie soziale Erosion des Landes aufzuhalten.
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Text: Leon Latozke
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