Neues aus Kuba
„Sprit, Sprit und nochmals Sprit“: Kubas energetische Not bestimmt die Verhandlungen mit Washington14/3/2026
14.03.2026 09:00 Uhr
Treibstoffmangel lähmt Kuba. Havanna setzt nun offiziell auf Verhandlungen mit Washington. Zwischen der Freilassung politischer Gefangener und wirtschaftlichen Reformen stellt sich die Frage: Wie viel Souveränität ist Kuba bereit opfern, um das Licht wieder anzuschalten?
Abbildung: Utcursch, Cienfuegos - Servicentro Oro Negro gas station, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 4.0
Der kubanische Präsident, Miguel Díaz-Canel kündigte am Freitag an, dass seine Regierung Gespräche mit Vertretern der Administration von Donald Trump augenommen habe. Was auf den ersten Blick wie ein diplomatischer Paukenschlag wirkt, ist bei genauerem Hinsehen ein Akt der puren Notwendigkeit. Das Schlagwort, das über allem steht, lautet: Treibstoff.
Ein Land im energetischen Koma Die Lage auf der Karibikinsel ist prekär. Seit über drei Monaten hat kein Tanker mit Rohöl mehr die kubanischen Häfen angelaufen. Die Folgen für die Bevölkerung sind verheerend. In einer Fernsehansprache räumte Díaz-Canel ein, unter „extrem widrigen Bedingungen“ zu arbeiten, die das tägliche Leben der Kubaner massiv beeinträchtigen. Stromausfälle, die nicht mehr nur Stunden, sondern Tage dauern, haben das öffentliche Leben zum Erliegen gebracht. Schulen bleiben geschlossen, der Transportsektor ist kollabiert, und in den Straßen regiert der Unmut. Die spanische Tageszeitung EL PAÍS hat vier Analysten befragt, die die Prioritäten der kubanischen Führung unmissverständlich zusammenfassen: „Treibstoff, Treibstoff und nochmals Treibstoff“. Für die Kommunistische Partei geht es längst nicht mehr um ideologische Reinheit, sondern um das nackte Überleben des Regimes. Die jüngsten „Cacerolazos“ – Proteste, bei denen Bürger rhythmisch auf Kochtöpfe schlagen – sowie Studentenversammlungen haben der Führung klargemacht, dass die Geduld des Volkes am Ende ist. Die Strategie des Nachgebens Um den totalen Kollaps abzuwenden, scheint Havanna zu Zugeständnissen bereit, die noch vor kurzem undenkbar schienen. Arturo López-Levy, Forscher an der University of Denver, vergleicht die Situation gegenüber EL PAÍS mit einem Ertrinkenden: „Wenn dir das Wasser bis zum Hals steht, greifst du nach jedem Seil, egal wer es dir zuwirft – selbst wenn es Donald Trump ist.“ Die Strategie der kubanischen Regierung zeichnet sich bereits ab: Eine graduelle wirtschaftliche Öffnung und eine vorsichtige Annäherung an die Diaspora, insbesondere in Florida. Es ist ein gefährlicher Spagat. Man hofft, durch wirtschaftliche Flexibilität den politischen Machtanspruch zu retten. Doch der Preis dafür ist hoch. Die Freilassung von 51 Gefangenen – unter ihnen laut Organisationen wie Prisoners Defenders mindestens fünf politische Häftlinge – wird als erster „Appetithappen“ für die Hardliner in Washington gewertet. Trump vs. Obama: Gleiches Ziel, andere Methoden Interessant ist der Vergleich zur Ära Obama. Während die Öffnung im Jahr 2014 von einer Aura des kulturellen Austauschs und der touristischen Euphorie umgeben war, ist der aktuelle Ansatz unter Trump von Aggressivität und wirtschaftlichem Pragmatismus geprägt. Iramis R. Rosique Cárdenas vom Digitalmagazin La Tizza erklärt im Gespräch mit EL PAÍS, dass Trump weniger an einer Demokratisierung Kubas interessiert sei, als vielmehr an einem „guten Titel“ für die Schlagzeilen, um von außenpolitischen Misserfolgen an anderen Fronten ablenken zu können. Das Ziel der USA bleibt jedoch konsistent: Die Förderung eines privaten Sektors in Kuba, der langfristig als Keimzelle für einen Regimewechsel fungieren soll. Die kubanische Führung ist sich dieser Gefahr bewusst, sieht aber angesichts der leeren Tanks keine Alternative zum Dialog. Die Rolle der internationalen Gemeinschaft Während Washington den Druck erhöht, blickt Havanna hoffnungsvoll auf seine verbliebenen Verbündeten. Mexiko, unter der neuen Präsidentin Claudia Sheinbaum, hat den Dialog bereits begrüßt. Doch auch hier ist die Lage kompliziert: Mexiko war 2025 einer der wichtigsten Öllieferanten, stoppte die Sendungen jedoch aufgrund von US-Zollandrohungen. Experten wie Omar Everleny Pérez Villanueva weisen zudem darauf hin, dass Kuba noch immer „Trümpfe“ in der Hand hält, wie etwa die medizinischen Brigaden in Venezuela und Mexiko. Diese könnten in den Verhandlungen als Währung dienen, um humanitäre Hilfe oder Kredite zu erwirken. Ein Volk ohne Hoffnung? Trotz der diplomatischen Betriebsamkeit bleibt die Stimmung in den Straßen von Havanna, Santa Clara oder Guantánamo am Boden. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat die Kubaner skeptisch gemacht. Tamarys Bahamonde, Expertin für öffentliche Politik, warnt davor, den Kollaps des Landes mit dem Sturz der Regierung gleichzusetzen. „Das Land kann zusammenbrechen, ohne dass das Regime fällt“, so Bahamonde gegenüber EL PAÍS. In der Bevölkerung herrscht eine tiefe kollektive Trostlosigkeit. Die Menschen sehen, dass Interventionen oder Verhandlungen der USA in Ländern wie Venezuela oder dem Iran bisher kaum zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen geführt haben. Für den Durchschnittskubaner bedeutet das „Tauwetter“ 2.0 bisher vor allem eines: Warten im Dunkeln, während die Eliten um den Preis für das nächste Fass Öl feilschen.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/kgxj8)
Autor: Leon Latozke
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