Neues aus Kuba
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23.02.2026 09:15 Uhr
In Miami rechnen viele mit einem historischen Moment für Kuba. Neue US-Maßnahmen verschärfen die Krise – doch im Exil gehen die Meinungen auseinander. Kommt der Wandel wirklich?
Abbildung: Calle Ocho Little Havana, Miami FL Oct 2023, von Phillip Pessar, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 2.0
Die spanische Tageszeitung EL PAÍS berichtet in einer ausführlichen Reportage aus Miami über eine wachsende, vorsichtige Hoffnung im kubanischen Exil – und über die tiefen Risse, die ein möglicher politischer und wirtschaftlicher Umbruch auf der Insel bereits jetzt in der Diaspora sichtbar macht. Der Text zeichnet das Stimmungsbild einer Gemeinschaft nach, die seit Jahrzehnten zwischen Sehnsucht, Skepsis und politischem Kalkül schwankt.
Im Zentrum der Reportage steht Ingrid Arenas, 62, Betreiberin der Pizzeria „Tío Colo“ an der Coral Way in Miami. Gemeinsam mit ihrem Sohn José Manuel Hernández und ihrer Schwiegertochter betreibt sie mehrere Lokale, die Familie ist wirtschaftlich etabliert. Und doch bleibt Kuba für sie „der größte Schmerz“. Arenas träumt davon, eines Tages eine Filiale ihres Restaurants in Havanna oder im Escambray-Gebirge zu eröffnen – als Teil eines nationalen Wiederaufbaus. „Kuba liegt in Trümmern, doch es kann wiederaufgebaut werden“, zitiert sie die Reportage. Diese Hoffnung speist sich aus einer Entwicklung, die in Miami seit Wochen intensiv diskutiert wird. Nach der Festnahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro richtet sich der Blick vieler Exilkubaner erneut auf Havanna. „Ist Kuba das Nächste?“, lautet die Frage, die in Cafés, Kirchen und politischen Zirkeln kursiert. Ein symbolischer Ort dieser Erwartung ist das traditionsreiche Exil-Restaurant Café Versailles in der Calle Ocho. Dort, berichtet EL PAÍS, bereiten sich Betreiber und Behörden offenbar bereits auf mögliche spontane Jubelfeiern vor. José Victorero, seit Jahrzehnten mit dem Restaurant verbunden, erzählt von installierten Kameras rund um das Gebäude – für den Fall, dass der „castrismo“ falle und sich die Gemeinde dort versammele. Auch Medien hätten Sendeplätze reserviert, um live über eine historische Nacht zu berichten. Gleichzeitig verweist EL PAÍS auf einen grundlegenden Wandel im politischen Verhalten der kubanoamerikanischen Wählerschaft. Jahrzehntelang galt die Unterstützung für Kandidaten mit harter Linie gegen Havanna als gesetzt. Doch jüngste Umfragen, insbesondere im Vorfeld der US-Wahlen 2024, zeigten, dass wirtschaftliche Sorgen zunehmend wichtiger wurden als die Kuba-Politik selbst. Vor diesem Hintergrund rückt eine Schlüsselfigur in den Fokus: Marco Rubio, Sohn kubanischer Einwanderer und seit Kurzem US-Außenminister. Viele im Exil hatten gehofft, er werde seine Herkunft politisch nutzen, um eine entschiedenere Politik gegenüber Havanna zu verfolgen. Im ersten Jahr der neuen Administration unter Präsident Donald Trump blieb es jedoch weitgehend bei der Fortführung bestehender Sanktionsmechanismen. 2026 brachte jedoch eine neue Dynamik. Trump erklärte den nationalen Notstand in Bezug auf Kuba, schränkte die venezolanischen Treibstofflieferungen ein und drohte Drittstaaten mit höheren Zöllen, sollten sie weiterhin Öl an die Insel liefern. Die Folgen seien gravierend: Hotels entließen Gäste und Personal, internationale Fluggesellschaften stellten Verbindungen ein, darunter LATAM Airlines, Air Canada und WestJet. Auch die spanische Hotelkette Meliá Hotels International habe mehrere Häuser geschlossen. Der Transport auf der Insel liege weitgehend brach, das öffentliche Leben sei gelähmt. EL PAÍS beschreibt Kuba in dieser Phase als „Körper, dem die Organe versagen“. In dieser Lage habe die Regierung in Havanna einen bemerkenswerten Schritt getan: Erstmals wurde dem privaten Sektor gestattet, Treibstoff im Ausland zu beschaffen – eine Maßnahme, die zuvor strikt abgelehnt worden war. Diese Öffnung sorgt im Exil für Unmut. Aktivisten wie Salomé García Bacallao kritisieren, dass kubanoamerikanische Unternehmer seit Jahren mit der militärischen Führung in Havanna Geschäfte machten und damit ein System stützten, das politische und wirtschaftliche Rechte beschneide. Die Debatte verläuft quer durch die Exilgemeinde. Für manche erscheint Rubio als entschlossener Taktiker, der im Hintergrund einen Strategiewechsel vorbereitet. Ingrid Arenas’ Sohn beschreibt ihn überspitzt als „Clark Kent, der zu Superman geworden ist“. Andere werfen der Regierung vor, eine „dialoguera“-Politik zu verfolgen – ein abwertender Ausdruck für Politiker, die auf Verhandlungen und Annäherung mit Havanna setzen, statt eine harte Linie gegen das Regime zu fahren. Der Begriff war besonders während der Obama-Jahre gebräuchlich und signalisiert Skepsis gegenüber jeder Politik, die als zu nachgiebig gegenüber Kuba wahrgenommen wird. Berichte über mögliche Kontakte Rubios zu Raúl Guillermo Rodríguez Castro, Enkel von Raúl Castro, befeuern diese Skepsis. In Interviews betont Rubio, das Kernproblem Kubas sei nicht primär politischer, sondern ökonomischer Natur: „Kuba hat keine Wirtschaft“, zitiert ihn EL PAÍS. Freiheit müsse nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich verstanden werden. Ein direkter militärischer Eingriff stehe nicht zur Debatte; vielmehr gehe es darum, „zu einer Einigung zu gelangen“. Der Ökonom Ricardo Torres, früher am Zentrum für Studien zur kubanischen Wirtschaft (Centro de Estudios de la Economía Cubana - CEEC) in Havanna tätig und heute Professor an der American University in Washington, sieht in dieser Argumentation eine gewisse Logik. Wirtschaftlicher Wandel und politische Transformation seien in der aktuellen Situation kaum voneinander zu trennen. Eine nachhaltige Erholung setze eine deutliche Ausweitung des Privatsektors, Zugang zu Kapital und klarere Regeln voraus. Wirtschaftliche Eigenständigkeit verändere das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern grundlegend. Doch in Miami wird nicht nur strategisch debattiert – es wird gebetet, gezweifelt und gespendet. Sunilda Roque, 62, besucht regelmäßig die Ermita de la Caridad, die der Schutzheiligen Kubas, „Nuestra Señora de la Caridad del Cobre“, gewidmet ist. Für viele Exilkubaner ist sie ein Ort der Hoffnung und Solidarität, an dem sie für ihre Familien auf der Insel beten und Verbundenheit mit der Heimat ausdrücken. Sie entzündet Kerzen in der kleinen Kapelle in Miami und bittet um Hilfe für ihre Familie auf der Insel. Sie berichtet von stundenlangen Stromausfällen, Lebensmittelknappheit und einer Lage, die selbst das „Periodo Especial“ der 1990er-Jahre übertreffe. Dennoch sagt sie: „Wenn es Opfer braucht, dann sollen sie gebracht werden – sonst werden wir nie frei.“ Gleichzeitig stehen Unternehmen wie Cubamax im Kreuzfeuer der Politik. Die Firma vermittelt Reisen und Paket- sowie Geldsendungen nach Kuba. Politiker in Südflorida werfen solchen Anbietern vor, indirekt die Staatskasse Havannas zu füllen. Dariel Fernández, Steuerinspektor von Miami-Dade, fordert die Aussetzung bestimmter Exportlizenzen. Er verweist auf Genehmigungen für Luxusgüter – Ferraris, Lamborghinis oder Whirlpools – und fragt provokant, wer in Kuba über Strom, Wasser oder Einkommen verfüge, um solche Waren zu nutzen. Demgegenüber argumentiert Ricardo Herrero vom Cuba Study Group, eine Politik maximalen Drucks müsse sich an geopolitischen Realitäten messen lassen. Ein humanitärer Kollaps oder gar eine militärische Intervention lägen nicht im Interesse Washingtons. „Die Leidenschaften Miamis können nicht die US-Politik diktieren“, wir der zitiert. Es gehe um eine nachhaltige, verhandelbare Neuordnung der Beziehungen. Am Ende zeichnet EL PAÍS das Bild einer Stadt im Wartestand. Miami wirkt äußerlich unverändert – Avocado-Verkäufer an den Kreuzungen, kubanische Musik in Nachtclubs, lebhafte Gespräche in Barbershops. Doch unter dieser Oberfläche liegt eine kollektive Gewissheit: Was immer in Kuba geschieht, es wird auch das Leben hier verändern. Für Ingrid Arenas bedeutet das vor allem eines: die Hoffnung, dass ihr Traum von einer Pizzeria „Tío Colo“ in einem freien Kuba nicht nur eine nostalgische Fantasie bleibt, sondern zu einem Kapitel des Wiederaufbaus wird.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/sxuze)
Autor: Leon Latozke
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