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22.03.2026 11:00 Uhr
In Havanna kämpft Kuba mit der Verbreitung synthetischer Drogen. Laut AP zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Fälle, während Kirchen und staatliche Einrichtungen Therapien anbieten.
In einem psychiatrischen Krankenhaus in Havanna stehen Dutzende Menschen in einem Kreis, halten sich an den Händen und sprechen ein gemeinsames Gelübde, ihre Körper von „den Toxinen, die versklaven“, zu befreien. Dieses Ritual markiert den Beginn einer 90-tägigen Entgiftung, die auf eine anschließende Rehabilitation vorbereitet. Wie Associated Press (AP) berichtet, ist dies Teil eines zunehmend sichtbaren Problems auf Kuba: dem wachsenden Konsum synthetischer Drogen.
Die neue Dimension des Drogenproblems Noch vor wenigen Jahren galt Drogenkonsum auf Kuba als nahezu unbekannt. Doch die Kombination aus wirtschaftlicher Krise, Mangel an Grundnahrungsmitteln und der Verfügbarkeit billiger synthetischer Drogen hat die Situation drastisch verändert. In Havana und anderen Städten ist es mittlerweile keine Seltenheit mehr, junge Menschen schlafend, taumelnd oder bewusstlos in Parks anzutreffen. Im Zentrum des Problems steht der sogenannte químico, eine Mischung aus synthetischen Cannabinoiden und gefährlichen Zusatzstoffen. Auf der Straße als „papelitos“ („Papierchen“) bekannt, wird die Substanz in winzigen Dosen verkauft und geraucht. Mit etwa 250 kubanischen Pesos pro Dosis, weniger als ein Laib Brot oder eine Dose Soda, ist sie extrem günstig und leicht zugänglich. David Morales, 25 Jahre alt und derzeit in Therapie, beschreibt AP die Situation: „Es ist sehr billig … und es ist überall.“ Morales erhielt zunächst Hilfe in staatlich finanzierten Gesundheitszentren und setzt nun seine Rehabilitation in der evangelikalen Baptistengemeinde Alcance Victoria Cuba fort. Staatliche Reaktion und Zahlen Um die zunehmende Verbreitung zu beobachten und einzudämmen, richteten Kubas Gesundheitsministerium und weitere Behörden im Juli ein Nationales Drogenobservatorium ein. Es soll Forschung betreiben, den Konsum überwachen und Gegenmaßnahmen entwickeln. Obwohl die Zahl der Drogenkonsumenten offiziell nicht erfasst wird, liefern Notaufnahmedaten Hinweise auf den Trend: 2024 suchten 467 Personen in Havanna Hilfe, 2025 fast doppelt so viele, 886. Kubas Null-Toleranz-Politik bedeutet, dass Drogenhandel mit bis zu lebenslanger Haft bestraft wird. Obwohl Kuba weder Drogen produziert noch lagert, ist der Konsum auf der Insel nicht zu verhindern. Gelegentlich werden Kokain-Pakete gefunden, die Schmuggler bei Verfolgungsjagden zurücklassen und die an Land gespült werden, oder Drogen werden unter importierten Waren eingeschleust. Auch kleinere Marihuana-Plantagen wurden entdeckt. Col. Juan Carlos Poey Guerra vom Innenministerium betont gegenüber AP: „Die größte Herausforderung sind neue psychoaktive Drogen, insbesondere synthetische Cannabinoide, die hauptsächlich aus den USA stammen.“ Im vergangenen Jahr wurden 46 neue synthetische Formulierungen entdeckt, darunter Substanzen wie Carbamazepin, Formaldehyd und Fentanyl. Zwischen 2024 und 2025 konnten 72 Schmuggelversuche aus elf Herkunftsländern vereitelt werden. Therapie und Rehabilitation Das staatliche Gesundheitswesen Kubas ist kostenfrei. Nachbarschafts-Familienkliniken erkennen oft zuerst Drogenprobleme. Schwerere Fälle werden für längere Krankenhausaufenthalte überwiesen. AP besichtigte die 40-Betten-Station für Männer im Havannas psychiatrichem Krankenhaus. Patienten zwischen 20 und 30 Jahren durchlaufen hier die 90-tägige Entgiftung. Die Einrichtung ist in Zweibettzimmer unterteilt, mit kleinen Lese-, Ess- und Freizeiträumen, dekoriert mit Familienfotos. Die Patienten tragen weiße T-Shirts mit der Aufschrift „Wir gewinnen gegen Drogen“ und übernehmen täglich Reinigungsaufgaben. Daniel Fulleda, 23 Jahre alt, berichtet: „Ich war unglaublich depressiv … lebte auf der Straße und konnte nicht mehr.“ Jetzt plant er zu heiraten, eine Familie zu gründen und ein eigenes Unternehmen zu starten. Rolle von Gemeinden und Kirchen Traditionell kümmerte sich der zentralisierte Staat um Alkohol- und Drogenabhängige. Doch das wachsende Problem erfordert neue Akteure. Pastor Abel Pérez von der Alcance Victoria Cuba Kirche beschreibt: „Es gibt Viertel, die regelrecht verseucht sind … ich sehe Jugendliche direkt vor meinen Augen Drogen konsumieren. Als Pastor kann ich nicht untätig bleiben.“ Letztes Jahr half die Kirche rund 50 jungen Menschen und ihren Familien, heute nehmen mehr als ein Dutzend regelmäßig an Therapiesitzungen teil. Alejandro Morales, 57 Jahre, begleitet seinen Sohn David zu den Treffen: „Das Problem hat sich so schnell vergrößert, dass die Kapazitäten des Landes teilweise überfordert sind.“ Vilma Arias, 64 Jahre, sucht mit ihrer 36-jährigen Tochter Hilfe. Ihr 26-jähriger Sohn weigert sich, behandelt zu werden. „Wir müssen viel beten. Meine Kinder sind talentiert, ich verstehe nicht, wie sie in diese Situation geraten sind.“ sagt si gegenüber AP. Die zunehmende Verbreitung synthetischer Drogen auf Kuba stellt sowohl das Gesundheitssystem als auch gesellschaftliche Strukturen vor neue Herausforderungen. Staatliche Initiativen, überwachte Kliniken und die Beteiligung lokaler Gemeinden sind entscheidende Bausteine, um dem Trend entgegenzuwirken. Die Erfahrungen der Betroffenen zeigen, dass Rehabilitation möglich ist, auch wenn der Weg lang und komplex bleibt.
Quelle: AP/WLRN (https://t1p.de/46aet)
Autor: Leon Latozke
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