Neues aus Kuba
Tag der Revolution: Díaz-Canel räumt Krise ein – macht aber allein Washington verantwortlich27/7/2026
27.06.2026 10:00 Uhr
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Rekordzahlen bei Operationsausfällen, Kindersterblichkeit und Stromkollaps – doch Díaz-Canels Rede zum Jahrestag des Moncada-Angriffs verlor sich in Anklagen gegen die USA statt in Antworten auf die Krise.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: Video. Rechte beim Uploadenden.
Bei der zentralen Gedenkfeier zum 26. Juli in Pinar del Río hat Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel in ungewöhnlicher Offenheit das Ausmaß der Krise seines Landes beschrieben: Stromausfälle von mehr als 24 Stunden Dauer, stillstehende Industrien, über 100.000 nicht durchgeführte Operationen, 118.000 Krebspatienten ohne Zugang zu Therapien und eine auf 9,3 pro 1.000 Lebendgeburten gestiegene Kindersterblichkeit. Für die Ursachen dieser Entwicklung machte er in seiner knapp halbstündigen Rede jedoch ausschließlich die Sanktionspolitik der USA verantwortlich.
Die Zeremonie unter dem Motto „Mein Moncada ist das Vaterland" begann damit, dass Díaz-Canel zunächst eine Botschaft des Ex-Präsidenten Raúl Castro verlas, den er erneut als „Anführer unserer Revolution" bezeichnete. Die Szene offenbarte die symbolische Schwäche eines Präsidenten, der selbst beim wichtigsten politischen Termin des offiziellen Kalenders noch die Legitimation des zurückgezogenen – und abwesenden – Generals braucht. Weder Raúl Castro noch dessen Enkel Raúl Guillermo Rodríguez Castro, der als informeller Kontaktmann zu Washington gilt, erschienen persönlich. Der 26. Juli ist der höchste Feiertag im offiziellen kubanischen Kalender. Er erinnert an den gescheiterten Sturmangriff einer Gruppe von Rebellen unter Führung Fidel Castros auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba im Jahr 1953 – militärisch ein Fehlschlag, politisch jedoch der symbolische Ausgangspunkt der Bewegung, die 1959 zum Sturz Fulgencio Batistas und zur Machtübernahme der Revolution führte. Castros bei seiner Gerichtsverhandlung gehaltene Verteidigungsrede „Die Geschichte wird mich freisprechen" gilt bis heute als programmatischer Gründungstext des Systems. Die Feierlichkeiten zum Jahrestag, jedes Jahr in einer anderen Provinz ausgerichtet, dienen der Führung traditionell dazu, die zentralen politischen Botschaften des Jahres zu verkünden – in diesem Jahr fiel die Wahl auf Pinar del Río. Im Zentrum der Rede von Díaz-Canel stand ein scharfer Schlagabtausch mit Washington. Er sprach von einem „weltweiten Krieg gegen die Linke" und bezeichnete die jüngste Sanktionsrunde, die sich gegen kubanische Ärztemissionen im Ausland richtet, als „Rekord der Infamie". Die US-Regierung wiederum wertet diese Auslandseinsätze kubanischen Personals seit Längerem als eine Form moderner Zwangsarbeit – ein Vorwurf, den Havanna zurückweist und dem es das Narrativ internationaler Solidarität entgegensetzt. Die Bezeichnung der Sanktionspolitik als „kalt kalkulierter Genozid" sowie der Vergleich von State-Department-Mitarbeitern mit nationalsozialistischen Besatzungsbeamten markieren dabei eine deutliche rhetorische Zuspitzung gegenüber früheren Reden Díaz-Canels. Auffällig war, dass der Präsident zwar das Ausmaß der Krise offen benannte, eine Erklärung der innenpolitischen Ursachen jedoch ausblieb. Ökonomen verweisen seit Jahren auf strukturelle Probleme: milliardenschwere Investitionen in den Tourismussektor bei gleichzeitigem Verfall des Stromnetzes, die geringe Effizienz der Landwirtschaft, die marktbeherrschende Stellung der dem Militär zugeordneten Unternehmenskonglomerate sowie die anhaltende Abwanderung von Fachkräften. Diese Faktoren blieben in der Rede unerwähnt. Zur wirtschaftlichen Zukunft blieb Díaz-Canel vage. Er verwies auf das im Juni von der Nationalversammlung verabschiedete Paket von 176 Reformmaßnahmen, das die zentral gesteuerte Wirtschaft schrittweise öffnen und dezentralisieren soll – nach Einschätzung von Experten der weitreichendste wirtschaftliche Reformversuch seit 1959. Konkrete Umsetzungsschritte oder einen Zeitplan nannte er nicht, sondern sprach allgemein von „makroökonomischer Sanierung", „tiefgreifenden Transformationen" und Anreizen für „verantwortungsvolle" Investitionen. Ein größerer Teil der Rede war internationalen Verbündeten gewidmet. Díaz-Canel dankte sozialen Bewegungen, europäischen Organisationen, Regierungen des Globalen Südens sowie Aktivisten in den USA, die sich für eine Lockerung der Sanktionspolitik einsetzen. Diese Passage lässt sich auch als Indiz dafür lesen, dass die kubanische Regierung zunehmend auf internationale Unterstützung angewiesen ist, um die eigene Position zu stärken – zumal sich die Krise angesichts ihres Ausmaßes immer schwerer allein mit dem US-Embargo erklären lässt, wie auch unabhängige Kuba-Beobachter anmerken. Bemerkenswert war zudem ein Vergleich, den Díaz-Canel selbst zog: Er stellte Kuba in eine Reihe mit den Kriegsschauplätzen Gaza, Libanon und Iran – „Heute ist es Kuba. Morgen kann es jede andere Nation sein." Die Rede endete mit den seit Jahrzehnten wiederkehrenden Formeln von Einheit, Produktion und Vertrauen in die eigene Stärke. Der Jugend, von der viele das Land bereits verlassen haben oder verlassen wollen, bot Díaz-Canel wenig mehr an als die Rolle der „Erben" zum hundertsten Geburtstag Fidel Castros.
Quellen: Havana Times, EFE
Autor: Leon Latozke
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