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14.09.2026 19:00 Uhr
Ein kubanischer Salsa-Lehrer soll im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes GRU ein Netzwerk aus „Wegwerf-Agenten" für Brandanschläge in mindestens vier EU-Ländern aufgebaut haben.
Abbildung: Petrozavodsk, in Nordrussland. Hier soll der gesuchte Kubaner als Tanzlehrer gearbeitet haben. (Symbolbild von Tatu Kosonen, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 4.0)
Er unterrichtet Salsa, Bachata und Kizomba in der nordrussischen Stadt Petrosawodsk, ist verheiratet mit einer Russin, Vater zweier Kinder. Gleichzeitig soll der Kubaner Oemis Romagoza Durruthy unter dem Decknamen „Dios" – Spanisch für „Gott" – ein Netzwerk aufgebaut haben, das im Auftrag des russischen Militärgeheimdienstes GRU Brandanschläge in mehreren EU-Ländern organisierte. Das legt eine gemeinsame Recherche von Deutsche Welle (DW), dem spanischen Sender RTVE, dem litauischen LRT und dem tschechischen CT nahe, für die Gerichtsdokumente, Behördenerklärungen, Interviews und geleakte Daten ausgewertet wurden.
Romagoza, geboren 1991 in Camagüey, lebt den Recherchen zufolge seit mindestens sieben Jahren in Russland. 2022 habe er eine Russin geheiratet und sei später russischer Staatsbürger geworden. Auf den Social-Media-Kanälen der Tanzschule „Made in Cuba" ist er als Kontaktperson gelistet, in zahlreichen Onlinevideos zeigt er seine Tanzkünste. DW erreichte ihn für eine Stellungnahme nicht. Anwerbung über Facebook und Telegram
Laut den ausgewerteten Dokumenten habe „Dios" seine Rekruten über Telegram- und Facebook-Gruppen gesucht, in denen sich Lateinamerikaner über Jobs in Polen oder eine Teilnahme am Krieg auf ukrainischer Seite austauschten. In einer Anzeige für eine Cuba-Gruppe in Russland habe es geheißen, Interessenten sollten Lebenslauf, Telefonnummer und Reisepass schicken. Eine andere, gerichtet an Menschen mit militärischer Erfahrung in Aufklärung, Logistik oder taktischen Manövern, habe rund 1.300 Euro pro Einsatz in Aussicht gestellt.
Die Zielgruppe seien gezielt verletzliche Personen gewesen, sagte die Geheimdienstforscherin Daniela Richterova vom King's College London den Journalisten. Wer Geld brauche und reisebereit sei, stelle oft keine Fragen nach dem eigentlichen Zweck eines Auftrags. Der Fall Murillo: von der Ukraine-Hoffnung zur Festnahme
Zu den Rekrutierten habe der Kolumbianer Luis Alfonso Murillo Diosa gehört, ein damals 34-jähriger Ex-Soldat aus einer verschuldeten Kaffeebauernfamilie. Murillo habe eigentlich für die ukrainische Armee kämpfen wollen und sei über eine entsprechende Facebook-Gruppe mit „Dios" in Kontakt gekommen, der ihm stattdessen „Sondermissionen" in Europa angeboten habe – Flüge, Unterkunft und Transport habe „Dios" organisiert, persönlich getroffen hätten sich beide nie.
Im Juli 2024 sei Murillo in Bukarest angekommen. Laut Gerichtsakten erhielt er ein Satellitenbild mit markierter Recyclinganlage und einem Ölbohrloch mit dem Auftrag, dort Feuer zu legen – wurde jedoch festgenommen, während er die Anlage nachts fotografierte. Murillo habe stets bestritten, einen Anschlag geplant zu haben, und angegeben, lediglich in die Ukraine gelangen zu wollen. 2025 wurde er wegen versuchter Sabotage zu sechs Jahren Haft verurteilt. „Wegwerf-Agenten" – ein wiederkehrendes Muster
Murillo sei nach DW-Recherchen einer von mindestens einem Dutzend Menschen, die „Dios" in Europa angeworben habe: „Wegwerf-Agenten", die für einzelne Sabotage- oder Spionageoperationen angeworben werden, ohne selbst zu wissen, für wen sie eigentlich arbeiten oder was der wahre Zweck ihres Auftrags ist. Das Prinzip dahinter: Der Auftraggeber (hier mutmaßlich der russische Geheimdienst GRU) muss keine eigenen Agenten ins Land schleusen und riskiert bei einer Festnahme keine direkte Verbindung zu sich selbst – die Rekrutierten sind austauschbar und "verbrennbar". So auch Murillo zu: Er wusste laut eigener Aussage nicht, dass er im Auftrag Russlands handelte, sondern dachte, er arbeite an etwas anderem.
Allein im Jahr 2024 seien laut Recherche in vier Monaten ein Einkaufszentrum in Polen, ein Ikea-Markt in Litauen, zwei Baustoffhändler in Polen, eine Busgarage in Tschechien, eine Recyclinganlage in Rumänien sowie für die Ukraine bestimmte Ausrüstung eines litauischen Unternehmens Ziel von Brandanschlägen geworden. Auch ein mit Sprengstoff bestückter Drohnenangriff auf ein ukrainisches Frachtflugzeug am Flughafen Leipzig im August sei „Wegwerf-Agenten" zugeschrieben worden und habe zu diplomatischen Spannungen zwischen Deutschland und Russland geführt. Ermittlungen in mehreren Ländern
Litauische Ermittler hätten die Anschlagsserie als bislang einzige Behörde öffentlich dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugeordnet und einen in Russland lebenden Kubaner international zur Fahndung ausgeschrieben – nach Abgleich mit geleakten Daten identifizierten DW und Partner diesen Mann als Romagoza. Bereits im Januar 2026 hatte die litauische Staatsanwaltschaft Anklage gegen sechs ausländische Staatsangehörige wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung erhoben; neben Romagoza würden auch der von St. Petersburg aus operierende Kubaner Alexeis Pecora sowie die Kubanerin mit spanischer Staatsbürgerschaft Mayra Eukaris de la Lastra Nistal per internationalem Haftbefehl gesucht. Ein kolumbianischer Mittelsmann sei im Mai 2025 aus Spanien ausgeliefert worden, ein weiterer mutmaßlicher Beteiligter Ende 2025 in Kolumbien festgenommen; sein Auslieferungsverfahren laufe.
Von den mindestens zwölf durch Romagozas Netzwerk angeworbenen Personen seien laut DW inzwischen mindestens neun gefasst worden, zwei davon verbüßten bereits Haftstrafen zwischen sechs und acht Jahren wegen versuchter Sabotage beziehungsweise Terrorismus, weitere Verfahren stünden noch aus. Weiter auf der Flucht
Ob „Dios" nach September 2024 weiter Anschläge koordinierte, ließ DW zufolge nicht klären. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass Romagoza sich weiterhin in Russland aufhält. Im April 2026 habe die Tanzschule „Made in Cuba" ein neues Video veröffentlicht, das ihn beim Unterrichten einer Salsa-Klasse zeigt – etwa zur selben Zeit, zu der er laut DW erneut Facebook-Gruppen für arbeitssuchende Lateinamerikaner in Polen beigetreten sei.
Die Anschlagsserie reiht sich in eine wachsende Zahl von Fällen ein, in denen Kubaner auf russischer Seite in den Ukraine-Krieg oder in dessen Umfeld verwickelt sind – von der Anwerbung Zehntausender Söldner bis zu systematischen Rekrutierungsnetzwerken, die von Kuba aus operieren. Havanna weist jede offizielle Verantwortung für solche Aktivitäten regelmäßig zurück. Autor: Leon Latozke
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