Neues aus Kuba
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26.06.2026 16:00 Uhr
Der Zusammenbruch des Tourismus in Kuba trifft Staat und Privatwirtschaft hart. Zehntausende Arbeitsplätze in Hotels und der privaten Wirtschaft stehen auf dem Spiel.
Die leeren Hotels und Strände von Varadero sowie die verwaisten Gassen der Altstadt von Havanna zeichnen ein eindringliches Bild des Niedergangs. Der Tourismus, einer der drei wichtigsten Devisenbringer der Insel, befand sich bereits seit der Corona-Pandemie in einer Schieflage. Die verschärfte politische Gangart der USA seit Jahresbeginn hat dem Sektor jedoch endgültig den Boden entzogen. Konkreter zeigt sich die Krise daran, dass Flüge wegen Treibstoffmangels ausblieben und ausländische Hotelketten die Insel aus Sorge vor sekundären US-Sanktionen verlassen haben.
Die offiziellen Zahlen belegen das Ausmaß des Einbruchs: Zwischen Januar und Mai 2025 empfing die Karibikinsel lediglich 359.491 internationale Touristen. Das entspricht einem Rückgang von 58 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, der selbst schon der schwächste seit über zwei Jahrzehnten gewesen war – die Pandemiejahre ausgenommen. Der Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Torres, Gastforscher an der American University, beziffert gegenüber der Nachrichtenagentur EFE den Schlag für die Hotellerie präzise: „Nahezu ein Drittel des nationalen Hotelbestands“ und „fast die Hälfte der unter ausländischer Leitung stehenden Zimmer“ seien von den Abgängen betroffen. Die spanischen Konzerne Meliá und Iberostar, die kanadische Blue Diamond sowie die indonesische Archipielago International zogen sich in den letzten Wochen ganz oder teilweise zurück. Bis 2025, so Torres’ Angaben, wurden von den 84.164 Hotelzimmern Kubas 57.291 von „19 ausländischen Managementgesellschaften aus zehn Ländern“ betrieben – das Eigentum verbleibt stets bei einem Staatsunternehmen. Die Zahl der unmittelbar betroffenen Arbeitnehmer schätzt Torres auf 20.000 bis 30.000. Wie der Experte hervorhebt, handelt es sich dabei um „betroffene, nicht zwangsläufig entlassene“ Beschäftigte. Das kubanische Arbeitsrecht sieht bei einer vorübergehenden Betriebseinstellung zunächst Maßnahmen zur Weiterbeschäftigung vor. Erst wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, kann nach einem im April 2025 erlassenen Dekret ab dem zweiten Monat der Unterbrechung eine Garantiezahlung in Höhe von 60 Prozent des täglichen Grundgehalts gewährt werden. Doch hier liegt nach Einschätzung von Torres das eigentliche Problem: „Diese Garantien werden auf der Basis des formellen Gehalts berechnet, das im Tourismus in der Regel nur einen kleineren Teil des tatsächlichen Einkommens der Arbeitnehmer ausmacht.“ Das durchschnittliche Staatsgehalt lag 2025 nach Angaben der nationalen Statistikbehörde ONEI bei rund 6.930 kubanischen Pesos pro Monat. Das entspricht etwa 58 US-Dollar zum offiziellen Wechselkurs, auf dem informellen Markt jedoch nur ungefähr zehn Dollar. Für viele Kubaner entsteht dadurch ein erhebliches Problem: Wer Pesos besitzt und dringend Dollar oder Euro benötigt – etwa für Einkäufe in den staatlichen Devisengeschäften (MLC-Läden) –, ist auf den informellen Devisenmarkt angewiesen. Dort gelten jedoch die tatsächlichen Marktpreise von mehreren hundert Pesos pro Dollar. Der staatliche Lohn verliert damit einen großen Teil seiner realen Kaufkraft. Für Beschäftigte mit einem monatlichen Einkommen von 6.930 CUP bleibt der Peso faktisch eine Binnenwährung, deren Wert sich außerhalb offizieller Berechnungen kaum in frei verfügbare Devisen umwandeln lässt. Während staatliche Stellen und Banken mit festgelegten Wechselkursen arbeiten, spiegelt der informelle Markt den tatsächlichen Wertverlust der kubanischen Währung wider. Die Krise, so Torres, „trifft direkt die Einkommensquellen vieler Arbeiter, auch wenn sie formal ihren Arbeitsvertrag behalten“, denn die Mehrheit sei auf Trinkgelder, Zahlungen im Zusammenhang mit Dienstleistungen für ausländische Besucher und andere informelle Einkünfte angewiesen. Wie Torres weiter ausführt, erzeugt der Tourismus weitreichende Folgewirkungen für private Restaurants, Transportunternehmer, Vermieter, Reiseführer, Lebensmittelhändler und weitere Zulieferer. Sinke die Zahl der Besucher, verringerten sich auch die Einnahmen des privaten Sektors und vieler Familien, die indirekt von dieser Aktivität abhängig seien. „Im gegenwärtigen Kontext haben diese Arbeiter nur sehr wenige Alternativen, um die verlorenen Einkünfte zu kompensieren“, betont Torres. Dieses Schicksal teilt Lázaro Mena, ein Unternehmer aus Viñales, einer Gemeinde für ländlichen Tourismus in der westlichen Provinz Pinar del Río. Sein auf Abenteuersport spezialisiertes Projekt Mogote Adventure habe seit zwei Monaten keine Einnahmen mehr, gestand der Unternehmer gegenüber EFE. Mena räumt ein, dass Viñales eine „ziemlich ungewöhnliche Besonderheit“ aufweise, da große Hotelketten dort kaum vertreten seien. Der Großteil der Touristen übernachte in privaten Ferienhäusern und werde von Privatanbietern betreut. Dennoch verursache die Krise einen „großen Einschlag“. „Der Tourismus in Viñales ist seit etwa vier Monaten tot“, so Mena über ein Tal mit rund 28.000 Einwohnern, von denen schätzungsweise 80 Prozent im Tourismus arbeiten. Eine Erholung des Sektors ist kurz- oder mittelfristig nicht absehbar, nicht zuletzt aufgrund der großen geopolitischen Unsicherheit um die Insel. Mena, der davon überzeugt ist, „dass Kuba wieder ein sexy Reiseziel für den internationalen Tourismus werden muss“, plädiert daher für „eine gigantische wirtschaftliche Öffnung“.
Quelle: EFE (https://t1p.de/n70g6)
Autor: Leon Latozke
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