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Bei zwei Hauseinstürzen in der kubanischen Hauptstadt sind innerhalb weniger Stunden vier Menschen ums Leben gekommen, darunter ein Kind. Die Unglücke ereigneten sich in maroden Gebäuden in den Bezirken Diez de Octubre und La Habana Vieja.
Abbildung: Gebäudekollaps in Havannas Stadtteil Diez de Octubre (Bildquelle: Tribuna de La Habana © Comité Municipal del Partido de Diez de Octubre)
Bei zwei Gebäudeeinstürzen in der kubanischen Hauptstadt Havanna sind am Freitag und Samstag vier Menschen ums Leben gekommen, darunter ein siebenjähriges Mädchen. Die Vorfälle ereigneten sich in den dicht besiedelten Stadtteilen Diez de Octubre und La Habana Vieja. Die kubanischen Behörden bestätigten am Wochenende die Todesfälle. Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte waren im Dauereinsatz. Die Unglücke werfen erneut ein Schlaglicht auf den desolaten Zustand des kubanischen Wohnungsbestands – und auf staatliche Prioritätensetzungen, die in der Bevölkerung zunehmend auf Kritik stoßen.
Zwei Einstürze in kurzer Folge Der erste Einsturz ereignete sich am Freitagnachmittag in der Straße San Bernardino im Bezirk Diez de Octubre. Ein seit mehreren Monaten zum Abriß vorgesehenes, unbewohntes Gebäude stürzte plötzlich ein. Nach übereinstimmenden Angaben lokaler Medien hielten sich zum Zeitpunkt des Einsturzes dennoch Menschen im Inneren auf. Zwei Personen sollen unter den Trümmern eingeschlossen worden sein. Die Rettungsarbeiten dauern an. Nach offiziellen Angaben war der baufällige Zustand des Gebäudes bekannt. Anwohner hatten zuvor wiederholt auf die Einsturzgefahr hingewiesen. Nur wenige Stunden später kam es in der Altstadt von Havanna zu einem zweiten Unglück. In der Calle Monte Nr. 722 stürzte ein mehrstöckiges Wohnhaus in der Nacht zum Samstag ein. Dabei wurden drei Personen verschüttet und konnten nur noch tot geborgen werden. Die Behörden bestätigten am Samstagabend insgesamt vier Todesopfer im Zusammenhang mit beiden Vorfällen. Maroder Wohnungsbestand Beide Einstürze stehen exemplarisch für ein Problem, das die kubanische Hauptstadt seit Jahren begleitet. Die Wohnraumsituation gilt als eine der gravierendsten sozialen Herausforderungen des Landes. Offiziellen Zahlen zufolge befinden sich in Havanna rund 185.000 Gebäude in schlechtem Zustand. Davon bedürfen über 83.000 einer teilweisen Reparatur, mehr als 46.000 müssen vollständig saniert werden. Landesweit gelten 37 Prozent der insgesamt rund 3,9 Millionen Wohnungen als technisch in schlechtem oder nur mittelmäßigem Zustand. Hinzu kommt ein strukturelles Wohnungsdefizit. Nach offiziellen Angaben fehlen landesweit rund 856.000 Wohneinheiten – das entspricht etwa 20 Prozent des aktuellen Bestands. Allein in Havanna benötigen fast 44.000 Familien, die nach früheren Hauseinstürzen in staatlichen Notunterkünften leben, dringend eine neue Bleibe. Weitere 11.000 Wohnungen sind erforderlich, um dem Bevölkerungswachstum in der Hauptstadt Rechnung zu tragen. Ursachen und strukturelle Probleme Als Hauptursachen für die häufigen Gebäudeschäden nennen Behörden und Experten die Kombination aus langjähriger Vernachlässigung, Materialknappheit und klimatischen Belastungen. Viele Gebäude stammen noch aus der Kolonialzeit oder den frühen Jahrzehnten nach der Revolution. Mangelnde Instandhaltung sowie die Auswirkungen von Starkregen, Hurrikans und hoher Luftfeuchtigkeit setzen der Substanz zu. Die jüngsten Unwetter mit heftigen Regenfällen gelten auch im aktuellen Fall als ein auslösender Faktor. Der bauliche Verfall ist auch eine Folge der anhaltenden Wirtschaftskrise des Landes. Seit mehreren Jahren leidet Kuba unter sinkender Produktivität, eingeschränkter Importfähigkeit und wachsender Inflation. Die Pandemie, verschärfte US-Sanktionen sowie ineffektive staatliche Steuerungsmaßnahmen haben die wirtschaftliche Lage zusätzlich verschärft. Dies wirkt sich direkt auf die Bauwirtschaft aus, die unter massivem Material- und Fachkräftemangel leidet. Kritik an Investitionspolitik Unabhängige Ökonomen und zivilgesellschaftliche Gruppen werfen der kubanischen Regierung vor, ihre Investitionspolitik vernachlässige soziale Infrastrukturprojekte zugunsten des Tourismus. Während der Wohnungsbau stagniere, werde der Bau von Hotels, insbesondere im Luxussegment, trotz rückläufiger Besucherzahlen forciert. Diese Prioritätensetzung führe in der Bevölkerung zunehmend zu Frustration. Die Regierung hatte 2018 eine neue Wohnbaupolitik angekündigt, mit dem Ziel, das Wohnungsdefizit innerhalb von zehn Jahren zu beheben. Seither hat es jedoch keine signifikanten Fortschritte gegeben. Vielmehr haben sich die Probleme aufgrund der ökonomischen Gesamtlage weiter verschärft. Politische Reaktionen und Rettungsarbeiten Nach den Einstürzen begaben sich Vertreter des Provinzparteikomitees sowie die Gouverneurin der Hauptstadt an die Unglücksstätten. Die Rettungsarbeiten wurden durch Einheiten der Feuerwehr, der Polizei und des Gesundheitsministeriums unterstützt. Auch die Brigada Canina war mit Suchhunden im Einsatz. In offiziellen Verlautbarungen betonten Behördenvertreter, dass die Rettungsmaßnahmen fortgesetzt würden, bis alle Vermissten gefunden seien. Die Bevölkerung in den betroffenen Vierteln leistete nach Angaben örtlicher Medien aktive Unterstützung bei den Rettungsaktionen. Lebensgefahr im Alltag Für viele Einwohner Havannas sind einsturzgefährdete Gebäude Teil ihres Alltags. Die jüngsten Tragödien unterstreichen, wie akut das Risiko ist. Besonders in dicht besiedelten Vierteln wie La Habana Vieja oder Diez de Octubre leben zahlreiche Familien unter prekären Bedingungen – oft ohne realistische Aussicht auf Besserung. Während die Regierung um Schadensbegrenzung bemüht ist, wächst der Druck auf die politischen Entscheidungsträger. Solange strukturelle Defizite nicht angegangen werden, bleibt das Risiko weiterer tödlicher Einstürze bestehen. Die Ereignisse vom Wochenende sind dabei kein Einzelfall – sondern Symptom eines tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökonomischen Problems.
Quelle: Cubadebate (https://t1p.de/h3wm8)
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Text: Leon Latozke
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