Neues aus Kuba
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Seit Dezember ohne Benzinlieferungen, mit massiven Stromausfällen und zusammengebrochenem Verkehrssystem fordert das Regime von einer erschöpften Bevölkerung Opfer und „Kreativität“
06.02.2026 09:00 Uhr
Abbildung: Christopher Michel creator QS:P170,Q5112871, Cuba libre (6941395159), Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 2.0
Kuba steht derzeit vor einer gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Krise, deren sichtbarster Ausdruck die anhaltende Treibstoffknappheit ist. Seit Dezember hat die Insel keinen nennenswerten Import von Benzin erhalten, was nicht nur den Transportsektor nahezu lahmlegt, sondern auch den Alltag der Bevölkerung massiv einschränkt. Taxifahrer, Pendler und private Transportdienste kämpfen täglich um die knappen Ressourcen, während staatliche Stellen zu „Opferbereitschaft“ und „kreativen Lösungen“ aufrufen.
Andy, ein junger Taxifahrer aus Havanna, beschreibt gegenüber der spanischen Tageszeitung EL PAÌS seine neue Routine: Einmal wöchentlich steht er zwischen 12 und 15 Stunden – beim ersten Mal waren es sogar 26 – in der Schlange, um bei den staatlichen Tankstellen 40 Liter Benzin zu erwerben. Die Verkaufsstellen geben den Treibstoff mittlerweile ausschließlich gegen US-Dollar ab, und die Menge ist strikt limitiert. Für viele Berufspendler und private Fahrzeughalter bedeutet dies eine enorme Belastung, zumal die Alternative, der Schwarzmarkt, oft das Doppelte der staatlichen Preise kostet. Die aktuelle Lage spiegelt sich auch im öffentlichen Leben wider. Am Donnerstag (5.) trat Präsident Miguel Díaz-Canel Bermúdez in Havanna vor den Medien auf und richtete sich fast zwei Stunden lang an die Bevölkerung. In seiner Ansprache bestätigte er den fehlenden Treibstoffimport seit Dezember, verwies auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten infolge der US-Sanktionen und rief die Bürger zu „Opferbereitschaft“ und „kreativer Anpassung“ auf. Konkrete Maßnahmen kündigte er nicht an, deutete jedoch mit Bezug auf die „Opción Cero“ aus der Sonderperiode an, dass es in den kommenden Tagen Anpassungen bei der Energie- und Lebensmittelverteilung geben werde. Gleichzeitig signalisierte Díaz-Canel Gesprächsbereitschaft gegenüber Washington, jedoch „ohne Druck“, und betonte die Unmöglichkeit einer „Kapitulation“ gegenüber den Vereinigten Staaten. Die Folgen der Krise sind für die Bevölkerung unmittelbar spürbar. In Havanna kam es zu massiven Stromausfällen von bis zu 14 Stunden täglich, in den östlichen Provinzen ist die Stromversorgung oft noch eingeschränkter: Dort stehen Bewohner häufig nur drei Stunden am Morgen und drei Stunden am Nachmittag unter Strom. Die Universität Havanna reagierte auf die Lage mit drastischen Einschränkungen im Lehrbetrieb, einschließlich der Reduzierung der Präsenzveranstaltungen. „Es fühlt sich apokalyptisch an“, zitiert EL PAÍS eine Psychologiestudentin, die im Juni ihren Abschluss machen möchte und aus Angst vor Repressalien nicht namentlich genannt werden will. „Ich habe das Gefühl, dass diese Ansprache das Polster ist für den Schlag, der kommt“, fügt sie hinzu. Sie fühlt sich durch die offizielle Rede nicht getröstet und nimmt eine zunehmende Spannung wahr. „Ich fürchte um meine Sicherheit, um meine Zukunft“, sagt sie. Der Mangel an Treibstoff hat auch den Transportsektor weitgehend lahmgelegt. Busse und staatliche Transportmittel fahren nur eingeschränkt, private Anbieter wie „La Nave“ – ein kubanisches Pendant zu Fahrdiensten wie Uber – stehen vor existenziellen Problemen. Fahrer berichten, dass sie tagelang auf Diesel warten müssen; wer diesen nicht erhält, sieht sich gezwungen, Fahrzeuge stillzulegen. Die steigenden Preise im informellen Markt verschärfen die Situation zusätzlich. So kostet ein Liter Benzin auf dem Schwarzmarkt bis zu 1.000 kubanische Pesos – das Doppelte des regulären Preises. Die wirtschaftlichen Engpässe treffen zudem auf eine allgemein angespannte Versorgungslage. Viele Kubaner versuchen, sich auf mögliche Engpässe vorzubereiten, indem sie Lebensmittel, Wasser und andere Vorräte anhäufen. Der Unmut über die wiederholten Appelle der Regierung zu Verzicht und „kreativer Anpassung“ wächst, während viele das Gefühl haben, dass die staatlichen Prioritäten nicht bei der Bevölkerung liegen. „Ich weiß nicht, welchen Plan die Regierung für das Land hat, aber es ist offensichtlich, dass die Priorität nicht die Menschen sind“, sagt eine junge Designerin aus Havanna, die vorsorglich Lebensmittel und Brennmaterial lagert. Die psychologische Belastung der Bevölkerung ist spürbar. Studierende, Berufspendler und Haushalte berichten von zunehmender Unsicherheit über die persönliche Sicherheit und die wirtschaftliche Zukunft. Die wiederkehrenden Stromausfälle, die eingeschränkte Verfügbarkeit von Benzin und die allgemeinen Versorgungsprobleme verschärfen den Alltag erheblich. Für viele Kubaner ist die Lage bereits so prekär, dass sie in den eigenen vier Wänden alternative Pläne schmieden, um den kommenden Monaten zu begegnen. Insgesamt zeichnet sich ein Bild ab, in dem die kubanische Bevölkerung mit den Folgen eines mehrfachen Krisenkomplexes kämpft: wirtschaftliche Not, fehlender Treibstoff, steigende Preise, Energieknappheit, unzureichende Lebensmittelversorgung und die anhaltenden Spannungen mit den USA. Die angekündigten Maßnahmen der Regierung bleiben vage, während die Bevölkerung zunehmend eigene Strategien entwickeln muss, um den Alltag zu bewältigen. Die Krise, so scheint es, könnte sich noch über Monate hinziehen, ohne dass eine unmittelbare Lösung in Sicht ist. Die aktuelle Situation zeigt exemplarisch, wie stark Kubas Infrastruktur und soziales System von externen Einflüssen und internen Schwächen geprägt sind. Ohne eine Stabilisierung der Energieversorgung und eine Entspannung der wirtschaftlichen Bedingungen drohen weitere Einschränkungen im Alltag, steigende soziale Spannungen und ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung. Die Krise ist damit nicht nur eine materielle Herausforderung, sondern auch ein Test für die Resilienz der kubanischen Gesellschaft in einem historisch ohnehin angespannten Umfeld.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/a8bxv)
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