Neues aus Kuba
Trotz Trumps Drohungen: Kubas Regime ist "sehr stabil" – Expertin warnt vor Fehleinschätzung26/4/2026
26.04.2026 10:00 Uhr
Die Kuba-Expertin Katrin Hansing hält Trumps Drohungen einer "Übernahme" Kubas für unrealistisch. Das Regime sei "sehr stabil", die Menschen litten unter der Krise, doch der Staat zerfalle nicht. Die USA hätten zudem kein Interesse an einer Flüchtlingswelle aus Kuba – ein Grund gegen eine Militärintervention.
Abbildung: Symbolbild (Bildquelle: The White House, P20260323JB-0613, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC0 / Public Domain)
Ein aktuelles Interview mit der deutschen Anthropologin Katrin Hansing zeichnet ein düsteres Bild der Lage auf Kuba und analysiert die zunehmenden Spannungen zwischen Washington und Havanna. Wie aus einem von t-online am Samstag (25.) veröffentlichten Interview mit der Kuba-EXpertin hervorgehtDie hält Wissenschaftlerin eine militärische Intervention der USA für möglich, warnt jedoch vor verheerenden Folgen.
Die Drohungen von US-Präsident Donald Trump gegen Kuba werden immer konkreter, Trump hat mehrfach davon gesprochen, den Inselstaat „übernehmen“ zu wollen. „Obwohl der Krieg im Iran weitergeht, sprach der US-Präsident davon, dass man bald auch in Kuba ‚vorbeischauen‘ könnte“, erinnert Hansing. Die Forscherin, die drei Jahrzehnte lang zur kubanischen Gesellschaft gearbeitet hat und selbst mehrere Jahre auf der Insel lebte, beschreibt die aktuelle Situation als extrem angespannt. „Alle Optionen scheinen im Moment auf dem Tisch, daher ist die Lage sehr schwierig einzuschätzen“, zitiert t-online Hansing. Das Schlimmste daran sei der permanente Schwebezustand für die kubanische Bevölkerung: „Einerseits leiden sie unter ihrer eigenen, repressiven Führung. Andererseits werden sie von der US-Regierung bedroht.“ Die Expertin von der City University of New York hält mehrere Szenarien für denkbar. „Im Weißen Haus könnte man denken, dass es jetzt wegen des Kriegs im Iran einen schnellen Erfolg braucht und man den in Kuba mit wenig Aufwand erzielen kann“, sagte Hansing. Alternativ könne die US-Regierung auch abwarten, bis sich die wirtschaftliche Lage auf der Insel weiter zuspitze, in der Hoffnung, dass „alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt“. Gegenüber dieser Erwartung äußerte die Anthropologin jedoch deutliche Zweifel. „Ich glaube aber, die kubanische Führung kann diese Krise noch eine ganze Zeit lang durchstehen – im Gegensatz zum eigenen Volk, das von Tag zu Tag überleben muss.“ Nach Einschätzung von Hansing ist das kubanische Regime „sehr stabil“. Gerade in Krisenzeiten, „wo alles auf dem Spiel steht, hält es zusammen.“ Das wirtschaftliche Druckmittel der USA zeigt nach Darstellung der Wissenschaftlerin bereits verheerende Wirkung. Seitdem nahezu kein Öl mehr nach Kuba fließe, habe sich die humanitäre Krise dramatisch zugespitzt. Wie t-online berichtet, besitze Kuba keinerlei Reserven – weder an Öl noch an anderen Gütern. „Ohne Öl gibt es weder Strom noch Transportmöglichkeiten – und dann wird das Leben ganz schnell sehr kompliziert“, erklärte Hansing. In Havanna sei es bereits normal, dass der Strom bis zu 20 Stunden am Tag ausfalle, in den Provinzen sogar tagelang. Die Folgen für die Zivilbevölkerung seien existentiell: Wegen des tropischen Klimas werde Lebensmittel innerhalb weniger Tage ungenießbar, wenn es nicht gekühlt werden könne. Viele Menschen litten unter Wassermangel, da ohne Strom kein Wasser durch die Rohre gepumpt werde. Ohne Benzin gelange kaum noch Essen vom Land auf die Märkte, die Preise seien enorm gestiegen. In den Krankenhäusern sei die Lage kritisch: Es gebe kaum Medikamente, es mangele an Personal, und viele Operationen würden verschoben. Nur systemrelevante Arbeitskräfte gingen noch zur Arbeit, Universitäten seien geschlossen, Schulstundenpläne reduziert. Die Wirtschaft auf Kuba sei „komplett zusammengebrochen“, so Hansing weiter. Der Staat habe kaum noch Einnahmen – bedingt durch jahrelanges Missmanagement der kubanischen Führung, aber auch durch den zusätzlichen Druck der US-Regierung. Dennoch hält die Anthropologin einen unmittelbaren Staatskollaps ohne militärische Intervention für unwahrscheinlich. „Die Wirtschaft ist zwar marode, aber der Staat ist, wie gesagt, noch stabil. Das Regime kann sich wahrscheinlich noch eine Weile über Wasser halten.“ Die entscheidende Frage sei vielmehr, wie das Volk reagiere, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtere. In der Vergangenheit seien Massenproteste brutal niedergeschlagen worden, wie Hansing erläutert. Zuletzt habe es 2021 derartige Unruhen gegeben, wegen denen noch immer etwa tausend politische Gefangene inhaftiert seien. Ob sich die Menschen in einem potenziellen Katastrophenzustand erneut gegen den Staat auflehnen würden, sei schwer vorherzusagen. Möglich sei auch, dass sich eine Flüchtlingskrise über das Meer in Richtung Florida entwickle – ein Szenario, das die Trump-Regierung „ganz sicher nicht“ wolle. Nach Medienberichten gibt es bereits seit längerem Verhandlungen zwischen Washington und Havanna, bei denen die USA unter anderem die Absetzung des kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel fordern sollen. Hansing beschreibt den Staatschef als „unglaublich unbeliebt“. Er gelte als „schwach, uncharismatisch und wird nicht ernst genommen“. Die Kubaner auf der Insel und im Exil wüssten, dass er praktisch keine wirkliche Macht habe. Die eigentliche Macht liege weiter bei der Familie Castro, insbesondere bei Raúl Castro, der selbst bis 2018 Präsident war. Mächtige Institutionen seien außerdem das Militär und das Innenministerium. Der wichtigste Ansprechpartner der USA soll Angaben zufolge der Enkel von Raúl Castro sein, Raúl Guillermo Rodríguez Castro. Ob er Díaz-Canel beerben könne, sei jedoch unklar. „Man weiß über ihn sehr wenig. Er ist in der Öffentlichkeit bislang nur als Leibwächter seines Großvaters aufgefallen.“ Die kubanische Regierung erkläre stets, sie sei offen für Gespräche mit den USA, „aber nur auf Augenhöhe“. Ein Machtwechsel komme für sie nicht infrage. Die Anthropologin warnt davor, den Sturz Díaz-Canels als einfachen politischen Erfolg für Trump zu verbuchen. Die Exilkubaner in Florida, die 2024 Trump gewählt hätten, wüssten sehr genau, wie der Machtapparat in ihrer Heimat funktioniere. „Ein Sturz von Díaz-Canel wird nicht reichen. Sie wollen ein Ende der Herrschaft der Castros.“ Eine Umfrage des „Miami Herald“ zeige, dass fast 80 Prozent der Exilkubaner im Süden Floridas eine Militärintervention auf der Insel befürworten. Sie wollten „echten politischen Wandel“ – einschließlich eines Führungswechsels ohne Verbindung zu den Castros. Was die Mehrheit der Kubaner auf der Insel betreffe, so seien die meisten erschöpft vom täglichen Überlebenskampf und wünschten sich wirtschaftlichen und politischen Wandel – „aber nicht zu jedem Preis“, zitiert t-online die Forscherin. Auch wenn immer mehr junge Stimmen ungeduldig auf eine militärische Intervention der USA hofften, sei das Konzept der staatlichen Souveränität für die meisten Kubaner noch sehr wichtig. Katrin Hensing lehrt als Associate Professor für Soziologie und Anthropologie am Baruch College der City University of New York (CUNY). Sie ist Mitinitiatorin der Havanna-Initiative, die sich für den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch mit Kuba einsetzt.
Quelle: t-online (https://t1p.de/wik)
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