Neues aus Kuba
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Obwohl die USA den Öltransfer aus Venezuela nach Kuba gestoppt haben, wirkt die Insel derzeit überraschend stabil: Tankstellen bleiben geöffnet, Stromausfälle zeigen keine neuen Spitzenwerte. Doch die trügerische Ruhe täuscht. Fachleute warnen, dass der Wegfall der venezolanischen Lieferungen die kubanische Wirtschaft massiv treffen wird.
17.01.2026 07:15 Uhr
Zwei Wochen nach dem abrupten Wegfall venezolanischer Öllieferungen wirkt die Lage in Kuba auf den ersten Blick erstaunlich stabil. Weder haben sich die ohnehin chronischen Stromausfälle spürbar verschärft, noch ist es bislang zu einem sichtbaren Zusammenbruch der Treibstoffversorgung gekommen. Doch Fachleute sind sich einig: Die eigentlichen Folgen US-Ölstopps aus Venezuela werden die Insel mit Verzögerung, dann aber umso härter treffen.
Bislang zeigen sich an den Tankstellen kaum neue Entwicklungen. Benzin und Diesel werden weiterhin unter den bekannten Restriktionen abgegeben: mit langen Warteschlangen, zeitweisen Lieferausfällen und klarer Priorität für Zahlungen in US-Dollar gegenüber dem kubanischen Peso. Die staatlichen Apps des Mineralölkonzerns Cupet sowie des Warteschlangen-Managementsystems „Ticket“ melden keine signifikanten Veränderungen. In Havanna können die Wartezeiten weiterhin bis zu zwei Monate betragen. Offizielle Stellungnahmen der zuständigen Behörden bleiben aus. Auch bei der Stromversorgung lässt sich bisher kein eindeutiger Bruch erkennen, der direkt auf den Wegfall venezolanischen Öls zurückzuführen wäre. Die tägliche maximale Stromlücke – eine der wenigen halbwegs belastbaren Kennzahlen der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft UNE – schwankt seit Anfang Januar zwischen 52 und 60 Prozent. Diese Werte liegen auf dem extrem hohen Niveau der vergangenen Monate, ohne eine klare Verschärfung erkennen zu lassen. Die jüngsten Spitzenwerte sind vor allem auf technische Defekte in veralteten Wärmekraftwerken zurückzuführen, die überwiegend mit inländischem Rohöl betrieben werden. Ein sensibler Indikator ist die Zahl der stillstehenden Notstromaggregate, die mit importiertem Diesel oder Schweröl laufen. Seit der Festsetzung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro – Auslöser der jüngsten US-Maßnahmen – schwankt die Zahl der stillstehenden Notstromaggregate stark und unregelmäßig, sodass sich kein klarer Trend erkennen lässt.. Anfang Januar waren zeitweise über 110 Aggregate außer Betrieb, zuletzt pendelte sich die Zahl wieder bei knapp unter 100 ein. Ein klarer Trend ist bislang nicht auszumachen. Strukturell bleibt Kubas Lage jedoch prekär. Der tägliche Ölbedarf der Insel wird auf rund 110.000 Barrel geschätzt. Etwas mehr als 40.000 Barrel stammen aus eigener Förderung an der Nordküste, der Rest muss importiert werden – sofern Devisen und Lieferanten verfügbar sind. Venezuela hatte 2025 im Schnitt etwa 27.000 Barrel pro Tag geliefert und war damit der wichtigste externe Versorger. Russland steuerte rund 6.000 Barrel bei, Mexiko zwischen 6.000 und 12.000. Mexiko will seine Lieferungen vorerst fortsetzen, doch der Ausfall Venezuelas reißt eine kaum zu schließende Lücke. Erschwerend kommt hinzu, dass belastbare Daten rar sind. Ein Teil der Importe läuft über eine sogenannte „Schattenflotte“ von Tankern, die Routen und Ladungen verschleiern, um Sanktionen zu umgehen. Transparenz ist in diesem System nicht vorgesehen. Die wirtschaftlichen Projektionen sind alarmierend. Der kubanische Ökonom Miguel Alejandro Hayes geht davon aus, dass ein Rückgang der verfügbaren Treibstoffmenge um 30 Prozent einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um fast 27 Prozent nach sich ziehen würde. Lebensmittelpreise könnten um 60 Prozent steigen, Transportkosten sogar um 75 Prozent. Der private Konsum würde um etwa ein Drittel einbrechen. Hayes spricht von einer wirtschaftlichen und humanitären Katastrophe, die selbst die „Sonderperiode“ der 1990er Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übertreffen könnte. Schon heute steckt Kuba in einer tiefen Systemkrise. Die Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 15 Prozent geschrumpft, die Inflation galoppiert, der Alltag ist faktisch dollarisiert. Dem Staat fehlen Mittel für grundlegende Aufgaben, während Stromausfälle Landwirtschaft und Industrie lähmen. Dass die Auswirkungen des venezolanischen Ölstopps bislang kaum spürbar sind, dürfte daher weniger Ausdruck von Stabilität sein als ein kurzer Aufschub – bevor die nächste Eskalationsstufe erreicht wird.
Quelle: Swissinfo/EFE (https://t1p.de/s3y0n)
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