Neues aus Kuba
|
Der verschärfte Druck der USA auf Venezuelas Ölsektor trifft Kuba in einer Phase äußerster wirtschaftlicher und energetischer Anspannung. Sinkende Liefermengen aus Caracas verschärfen Stromausfälle, Produktionsstillstand und Treibstoffknappheit auf der Insel. Alternativen aus Russland, Mexiko oder China sind begrenzt und politisch riskant
26.12.2025 08:55 Uhr
Abbildung: Das KI-generierte Symbolbild zeigt keine reale Szene.
Die verschärfte Gangart der USA gegenüber Venezuela hat in Kuba unmittelbare und gravierende Folgen. Während Washington mit verstärkten Maßnahmen gegen die sogenannte venezolanische „Schattenflotte“ vorgeht, geraten vor allem die ohnehin stark reduzierten Öllieferungen nach Kuba weiter unter Druck. In einer Phase, die Beobachter als die schwerste systemische Krise der Insel seit Jahrzehnten bezeichnen, droht damit eine zusätzliche Zuspitzung der Energie- und Wirtschaftslage.
Nach Einschätzung von Fachleuten ist kaum damit zu rechnen, dass die Lieferungen aus Venezuela unter den aktuellen Bedingungen stabil bleiben. Der kubanische Ökonom und Politikwissenschaftler Arturo López-Levy geht davon aus, dass die jüngsten Maßnahmen im Karibikraum zu einem weiteren Rückgang der Exporte führen werden. Die Folgen für Kuba seien, so der Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Torres gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur EFE, „desaströs“. Die Abhängigkeit der Insel von venezolanischem Erdöl ist historisch gewachsen und reicht bis zum Jahr 2000 zurück, als Havanna und Caracas im Rahmen eines umfassenden Kooperationsabkommens Energie gegen Dienstleistungen tauschten. Venezuela übernahm damit eine Rolle, die zuvor die Sowjetunion als externer wirtschaftlicher Stützpfeiler innehatte. Über Jahre hinweg war Venezuela der wichtigste Energielieferant Kubas. Zwar sind keine offiziellen Zahlen verfügbar, doch Experten sind sich einig, dass die Liefermengen in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken sind – infolge des Produktionsverfalls in Venezuela und der US-Sanktionen. Der aktuelle Einschnitt fällt in eine Zeit, in der Kuba bereits mit chronischem Mangel an Grundnahrungsmitteln, hoher Inflation bei gleichzeitigem wirtschaftlichem Schrumpfen, einem kollabierenden Produktionssektor, massiven Stromausfällen und einer anhaltenden Auswanderungswelle zu kämpfen hat. Nach unabhängigen Schätzungen benötigt Kuba derzeit zwischen 110.000 und 120.000 Barrel Öl pro Tag. Rund 40.000 Barrel stammen aus eigener Förderung, der Rest muss importiert werden. Venezuela, das einst bis zu 100.000 Barrel täglich lieferte, kam in diesem Jahr im Schnitt nur noch auf etwa 27.000 Barrel pro Tag. Die daraus resultierende Lücke von bis zu 50.000 Barrel macht sich im Alltag deutlich bemerkbar: Stromausfälle von bis zu 20 Stunden täglich, stillstehende Industriebetriebe und lange Schlangen an Tankstellen prägen das Bild. Versuche, diese Lücke zu schließen, bleiben bislang unzureichend. Russland lieferte 2025 nach Angaben von Experten etwa 6.000 Barrel pro Tag; jüngst traf ein weiterer russischer Tanker mit rund 330.000 Barrel auf der Insel ein. Dennoch gilt Moskau trotz politischer Nähe nur eingeschränkt als Alternative. Der Krieg in der Ukraine, wirtschaftliche Schwierigkeiten und der eigene Druck auf russische Schattenflotten begrenzen den Spielraum erheblich. Auch Mexiko, das im vergangenen Jahr noch rund 23.000 Barrel täglich lieferte, reduzierte seine Exporte 2025 auf etwa 2.500 Barrel. Hintergrund ist vor allem die Rücksichtnahme auf die Beziehungen zu den USA, dem wichtigsten Handelspartner Mexikos. Vor diesem Hintergrund rückt China als möglicher Akteur in den Fokus. López-Levy hält es für denkbar, dass Peking über Kredite – in Dollar oder Yuan – indirekt den Erwerb von Treibstoff ermöglicht. Eine solche Entscheidung wäre jedoch primär geopolitisch motiviert. Unklar bleibt, wer unter den aktuellen Bedingungen bereit wäre, Öl zu verkaufen, zu finanzieren und unter US-Beobachtung zu transportieren. Trotz der angespannten Lage mahnen Experten, die Widerstandsfähigkeit des kubanischen Systems nicht zu unterschätzen. Kurzfristiges Überleben sei auch unter verschärftem Druck möglich. Die tiefer liegende strukturelle Krise des Landes jedoch – geprägt von Energieknappheit, wirtschaftlicher Stagnation und einem Vertrauensverlust in staatliche Institutionen – gilt weiterhin als ungelöst und ohne absehbare Perspektive auf eine nachhaltige Besserung.
Quelle: Swissinfo/EFE (https://t1p.de/n6ylf)
Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |


RSS-Feed