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Tausende US-Amerikaner versuchten Anfang des 20. Jahrhunderts auf Kuba eine Kolonie zu errichten, die langfristig Teil der Vereinigten Staaten werden sollte. Schulen, Clubs und Parzellen nach amerikanischem Vorbild sollten eine Siedlungsgemeinschaft schaffen – doch Naturgewalten, politische Widerstände und wirtschaftliche Probleme ließen das Projekt scheitern.
02.10.2025 00:03 Uhr
Abbildung: Page 132, Cuba: population, history and resources, compiled by Victor H. Olmsted, 1909, General Collections. Quelle: Library of Congress
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte Kuba eine Episode, die heute fast vollständig in Vergessenheit geraten ist: Auf der Isla de la Juventud – damals „Isle of Pines“ genannt – versuchten Tausende US-Amerikaner, eine Kolonie aufzubauen, die langfristig an die Vereinigten Staaten angeschlossen werden sollte. Historische Karten und Dokumente aus den Jahren 1904 bis 1911, die jüngst von der Library of Congress (LoC), der öffentlich zugänglichen Forschungsbibliothek des Kongresses der Vereinigten Staaten, katalogisiert wurden, geben Einblicke in diesen wenig bekannten Abschnitt der kubanisch-amerikanischen Beziehungen.
Die Unterlagen dokumentieren die sogenannten „McKinley Colonies“, benannt nach dem damaligen US-Präsidenten William McKinley, einem Protagonisten des amerikanischen Expansionismus. Die Pläne waren ambitioniert: Rund um die Orte McKinley und West McKinley sollte auf der Isle of Pines eine Gemeinschaft entstehen, die sich ganz an amerikanischen Standards orientierte – mit Schulen, Vereinen und einer städtischen Infrastruktur nach US-Vorbild. Werblich aufbereitete Karten zeigten parzelliertes Land, das an Investoren und Siedler verkauft werden sollte. Schon bald gehörte 90 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen auf der Insel US-Bürgern. Zwischen Kuba und Washington Die Expansion war eine direkte Folge des Spanisch-Amerikanischen Krieges von 1898, in dem die Vereinigten Staaten Kuba von der spanischen Kolonialherrschaft „befreiten“, gleichzeitig aber ihre eigenen Interessen im Land verankerten. Während die kubanische Unabhängigkeit formal anerkannt wurde, ließ der Platt Amendment von 1901 entscheidende Fragen offen. Dazu zählte auch der Status der Isle of Pines. Diese Lücke nutzten US-Spekulanten, die Land in großem Stil aufkauften und an amerikanische Mittelstandsfamilien weiterverkauften. Die Siedler verband die Hoffnung, dass Washington die Insel offiziell annektieren würde. Dafür setzten sie auf Symbolpolitik: Sie zahlten in US-Dollar, gründeten Schulen nach amerikanischem Muster, pflegten eigene soziale Strukturen und lebten weitgehend abgeschottet von der kubanischen Bevölkerung. Zudem hofften sie, die Insel zu einem Exportzentrum für Zitrusfrüchte und zu einem Winterdomizil für wohlhabende Nordamerikaner auszubauen. Ein gescheitertes Projekt Bis zu 2.000 US-Amerikaner siedelten sich in den 1910er-Jahren auf der Isle of Pines an. Die Vision einer „Perle der Karibik“ unter US-Flagge erfüllte sich jedoch nicht. Der Alltag erwies sich als deutlich härter, als es die Hochglanzbroschüren versprachen: Das Roden des tropischen Landes war beschwerlich, die landwirtschaftlichen Erträge blieben hinter den Erwartungen zurück, und Naturkatastrophen wie Hurrikane setzten den Siedlungen regelmäßig zu. Auch politisch bekamen die Kolonisten Gegenwind: Mit dem Hay-Quesada-Vertrag von 1925 wurde die Souveränität Kubas über die Insel endgültig anerkannt. Von da an verlor die McKinley-Kolonie rasch an Bedeutung. Viele Siedler kehrten in die Vereinigten Staaten zurück, zurückblieben verlassene Straßenzüge, unvollendete Bauwerke und die Reste ambitionierter Landwirtschaftsprojekte. Auf Satellitenaufnahmen sind bis heute Spuren der damaligen Planungen zu erkennen – alte Wege, die ins Nichts führen, oder gerodete Flächen, die längst wieder von Vegetation überwuchert wurden. Symbol einer asymmetrischen Beziehung Die Episode der McKinley-Colonies steht exemplarisch für die asymmetrischen Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Insel im Süden Havannas wurde zur Projektionsfläche amerikanischer Expansionsfantasien, aber auch zum Beispiel für die Grenzen solcher Unternehmungen. Während die politischen und wirtschaftlichen Interessen der USA die Entwicklung Kubas lange prägten, blieb der Traum einer direkten Annexion der Isle of Pines unerfüllt. Heute ist die Isla de la Juventud vor allem durch ihre Geschichte als Gefängnisinsel bekannt – hier war unter anderem Fidel Castro nach dem gescheiterten Angriff auf die Moncada-Kaserne 1953 inhaftiert. Dass die Region einst Schauplatz amerikanischer Siedlungsträume war, ist dagegen fast vergessen. Umso wertvoller sind die Karten und Dokumente, die dieses Kapitel ins Gedächtnis rufen: Sie zeigen den Versuch, ein Stück Amerika in der Karibik zu errichten – und das schnelle Scheitern dieses kolonialen Experiments.
Quelle: LoC (https://t1p.de/c9l7x)
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Text: Leon Latozke
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