Neues aus Kuba
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24.05.2026 10:00 Uhr
Díaz-Canel verwaltet die Reste der kubanischen Revolution. Seit seinem Amtsantritt 2018 hat er kaum Reformen umgesetzt, während die Wirtschaft kollabiert und die Bevölkerung unter Stromausfällen und Versorgungsengpässen leidet.
Abbildung: Miguel Díaz-Canel 2019 (Bildquelle President.az, President of Cuba Miguel Diaz-Canel, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 4.0)
Miguel Díaz-Canel steht an einem historischen Wendepunkt für Kuba, doch seine Rolle bleibt eigentümlich blass. Der 66-jährige Präsident, der 2018 die Nachfolge der Castro-Brüder antrat, regiert ein Land am Rande des Zusammenbruchs, ohne dass ihm bislang eine eigenständige politische Agenda gelungen wäre. Stattdessen hat er sich dem Vermächtnis der Revolution verschrieben, obwohl die Lebensrealität der meisten Kubaner längst eine andere Sprache spricht.
In den vergangenen Wochen zeigte sich Díaz-Canel in zwei gänzlich unterschiedlichen Inszenierungen. Zunächst stand er im Mittelpunkt einer Solidaritätsveranstaltung mit europäischen und lateinamerikanischen Linken, wo ihm die Menge „Kuba ist nicht allein“ zurief. Später erschien er in olivgrüner Uniform auf der sogenannten antiimperialistischen Tribüne zwischen der US-Botschaft und der Uferpromenade Malecon, um dem 94-jährigen Raúl Castro die Stange zu halten. Dieser war von einem US-Gericht beschuldigt worden, 1996 den Abschuss zweier Flugzeuge einer anticastristischen Organisation angeordnet zu haben, bei dem vier Menschen starben. Die Rollenwechsel des Präsidenten zwischen zivilem Anzug und militärischem Outfit spiegeln die Zerrissenheit eines Landes wider, das sich in einer existenziellen Krise befindet. Seit Ende Januar hat die von Donald Trump verhängte Energieblockade die ohnehin marode Wirtschaft weiter abgewürgt. Tagelange Stromausfälle, unterbrochene Wasserversorgung, ein lahmgelegter Nahverkehr und Nahrungsmittelpreise, die ein Monatsgehalt verschlingen, prägen den Alltag der Kubaner. Díaz-Canels Rhetorik hat sich parallel dazu gewandelt: Statt von „kreativem Widerstand“ spricht er nun von „Völkermord“ und „tapferem Widerstand gegen jede Art von Unterordnung unter das Imperium“. Die Frage nach dem tatsächlichen Machtzentrum in Havanna ist dabei schwer zu beantworten. Díaz-Canel regiert stets im Schatten Raúl Castros, der als graue Eminenz des Systems gilt. Der Präsident selbst hat diese Abhängigkeit nie wirklich überwunden, obwohl er von vielen anfangs als Hoffnungsträger für Reformen gesehen wurde. Als Vertreter einer jüngeren Generation, die bereits im revolutionären Kuba aufwuchs und nicht aus dem Militär stammt, schien er geeignet, neue Wege zu beschreiten. Sein politischer Aufstieg führte ihn durch die lokalen und nationalen Strukturen der Kommunistischen Partei, bis er an die Spitze des Staates gelangte. Doch die Hoffnungen auf eine Öffnung zerschlugen sich rasch, als er sich das Motto „Wir sind Kontinuität“ zu eigen machte. Der Politikwissenschaftler Michael J. Bustamante von der Universität Miami nennt diesen Satz „tödlich für jeden Politiker, der etwas bewegen will“. Mit der Betonung der Kontinuität habe Díaz-Canel wohl die alte Garde beruhigen wollen, erklären Analysten, sich selbst aber in eine Sackgasse manövriert. Der ehemalige kubanische Diplomat Carlos Alzugaray spricht von einem politischen Selbstmord, weil Díaz-Canel dringend notwendige Reformen nicht umsetzte und sie stattdessen bürokratischen Kräften überließ, die kein Interesse an Veränderungen hatten. Die wenige Maßnahmen, die er ergriff, etwa die Abschaffung der Doppelwährung aus kubanischem Peso und konvertierbarem Peso, erwiesen sich als technisch mangelhaft und belasteten die ohnehin geschwächten Familien zusätzlich. Die Unklarheit über die Machtverhältnisse wird noch dadurch verstärkt, dass die USA bei ihren diplomatischen Gesprächen mit Kuba auf Raúl Guillermo Rodríguez Castro setzen, den Enkel des alten Generals, der keinen offiziellen Posten bekleidet. Obwohl Díaz-Canel die Existenz der Verhandlungen bekannt gab, bleibt ungewiss, ob er selbst daran beteiligt ist. Washington wiederum hat mit der juristischen Anklage gegen Raúl Castro ein deutliches Zeichen gesetzt, welche Bedeutung es der alten Garde beimisst. Díaz-Canel sei zwar kein Marionette, betont der kubanische Politologe Arturo López-Levy, doch Raúl Castro besitze ein Vetorecht bei strategischen Entscheidungen. Sein größter Fehler sei es, im Schatten des Vorgängers zu verharren, weil dies ihn als Mann des Wandels diskreditiere. Und Wandel ist das, was die kubanische Gesellschaft heute dringend braucht. Der Präsident selbst unterstrich diese Abhängigkeit, als er nach der Anklageerhebung gegen Castro sagte, er empfinde für ihn wie für einen Vater: als Lehrer, als Chef, dem man täglich zu folgen versuche. Die geschlossene Unterstützung für den Ex-Präsidenten zeigte sich am Freitag vor Tausenden Menschen – ein Schulterschluss, der auch als Botschaft an die USA verstanden werden kann, dass man nicht bereit sei, nachzugeben. Die Wirtschaftskrise Kubas ist das Ergebnis jahrzehntelanger struktureller Probleme, unvollständiger Reformen und äußerer Belastungen. Die Bevölkerung leidet unter einer Hyperinflation, die durch die Währungsreform noch verschärft wurde. Wo früher der kubanische Peso und der konvertierbare Peso nebeneinander existierten, gibt es nun nur noch eine Währung – aber die Preise sind explodiert. Viele Geschäfte verlangen inzwischen Dollar, zu denen die meisten Kubaner keinen Zugang haben. Die Energieblockade hat diese Situation noch dramatischer gemacht. Das politische System Kubas hat sich über Jahrzehnte verfestigt, doch sein Fundament bröckelt. Die Revolution als wirtschaftliches und soziales Modell befindet sich seit langem in einer tiefen Krise, die durch das Fehlen einer glaubwürdigen Nachfolgegeneration noch verschärft wird. Der Politikwissenschaftler Fabio Fernández Batista von der Universität Havanna beobachtet, dass der Dissens in der Bevölkerung zwar zugenommen habe, das System aber weiterhin mit Methoden von vor 40 Jahren reagiere, als ob es noch über das damalige politische Kapital verfüge. Die größten Proteste seit den 1990er Jahren, die am 11. Juli 2021 im ganzen Land ausbrachen, haben das Regime erschüttert. Díaz-Canel war damals das Gesicht der Repression, als er die „Revolutionäre auf die Straße“ rief. Die Sicherheitskräfte gingen mit brutaler Gewalt vor, es gab über tausend politische Gefangene. Diese Entscheidung habe zwar nicht bei ihm gelegen, sondern bei der Machtgruppe um Raúl Castro, sagt die kubanische Intellektuelle Alina Bárbara López. Doch sein Ansehen habe durch die Rolle als Sprachrohr der Unterdrückung enorm gelitten. In der Bevölkerung wächst die Wut auf die Regierung, die viele als eine Gruppe von Privilegierten betrachten, die sich auf Kosten der Bürger bereichern. Gleichzeitig wächst die Bereitschaft, Veränderungen um jeden Preis zu akzeptieren – selbst wenn dies eine US-Intervention bedeuten würde. „Ich kann mir für Souveränität nichts kaufen“, sagt ein Taxifahrer in Havanna, der trotz Treibstoffrationierung noch arbeitet. „Wozu brauche ich sie? Souveränität bedeutet, sich um das Volk zu kümmern. Welche Souveränität haben wir, wenn man ins Gefängnis kommt, weil man anders denkt?“ Washington hat seine aggressive Politik gegenüber Kuba in den letzten Monaten noch verschärft. Außenminister Marco Rubio spricht von einer „neuen Beziehung“ und macht deutlich, dass es ihm nicht nur um Wirtschaftsreformen geht, sondern um den Sturz des Regimes. Ob die USA tatsächlich bereit sind, einen 94-jährigen Mann zu verhaften, bleibt unklar. Experten gehen davon aus, dass Raúl Castro sich in einem Bunker aufhält. Die wirtschaftliche Situation benötige Reformen, Geld und Zeit, sagt Bustamante, aber die Absichten Washingtons seien unklar. Díaz-Canel bleibt ein blasser Verwalter dessen, was von der Revolution übrig ist. Seine Politik scheint vor allem darauf abzuzielen, zu überleben und die Lage auszusitzen. „Seine größte Leistung war es, einen Ausweg aus der Krise zu suchen, indem er die US-Sanktionen untergrub und einfach weiter existierte“, sagt López-Levy. Die letzte Woche veröffentlichte Díaz-Canel auf X ein Video, in dem er sagt: „Wir sind gekommen, um Raúl zu verteidigen, denn Raúl ist die Heimat, Raúl ist Kuba.“ Was er retten will, ist klar. Die Frage ist nur, wo die Kubaner in dieser Gleichung bleiben.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/y6gbw)
Autor: Leon Latozke
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