Neues aus Kuba
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21.02.2026 07:40 Uhr
Stromausfälle, leere Medikamentenlager, ausgesetzte Operationen: Kubas Kliniken stehen vor dem Kollaps. Ärzte schlagen Alarm und warnen vor tödlichen Folgen – besonders für die Schwächsten.
Abbildung: Symbolbild. Das Hermanos Ameijeiras Hospital in Havanna ist das führende Krankenhaus Kubas (BIldquelle Hana Gaon, Hermanos Ameijerias Hospital, Havana, Cuba, 2025 19 15 04 228000, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 4.0
Auf den Straßen von Havanna türmt sich der Müll, in den Krankenhäusern fällt regelmäßig der Strom aus, Operationssäle bleiben dunkel. Was lange als Aushängeschild des kubanischen Staates galt, steht nach Einschätzung zahlreicher Mediziner vor dem Zusammenbruch. Das Land erlebt eine Gesundheitskrise, wie sie sonst eher aus Kriegsgebieten bekannt ist – obwohl auf der Insel kein bewaffneter Konflikt herrscht.
Stromausfälle legen Kliniken lahm Das ohnehin seit Jahren geschwächte System ist durch massive Treibstoffengpässe zusätzlich destabilisiert worden. Tägliche Stromabschaltungen von bis zu 20 Stunden gehören inzwischen vielerorts zur Realität. Für Krankenhäuser bedeutet das: Röntgengeräte, Ultraschall- und CT-Anlagen bleiben außer Betrieb. Selbst grundlegende Diagnostik ist vielerorts nicht mehr möglich. Ein Arzt aus Puerto Padre in der Provinz Las Tunas berichtete in sozialen Medien, er habe seinen Dienst verweigert, da „die minimalen Voraussetzungen für sicheres Arbeiten nicht existieren“. In seinem Krankenhaus fehle sogar ein funktionierendes EKG-Gerät. Solche Berichte häufen sich. Mediziner sehen sich gezwungen, wieder ausschließlich auf klinische Untersuchungen zu setzen – eine Rückkehr zu Methoden, die moderne Technik eigentlich längst ergänzt oder ersetzt hatte. Notoperationen werden noch durchgeführt, planbare Eingriffe dagegen nahezu flächendeckend ausgesetzt. Wartelisten wachsen ins Unermessliche, während Notaufnahmen überfüllt sind und das Personal an seine physischen und psychischen Grenzen gerät. Verfall hinter Krankenhausmauern Der bauliche Zustand vieler Einrichtungen war bereits vor der jüngsten Zuspitzung alarmierend. Berichte schildern verschmutzte Stationen, von Ungeziefer befallene Wände und schimmelnde Matratzen. Nach jüngsten Stromausfällen versinken ganze Trakte in Dunkelheit. Fotos aus dem Klinikum Joaquín Albarrán in Havanna zeigen verlassene Flure – nicht nur wegen ausgesetzter Routineeingriffe, sondern auch, weil Patienten oft keinen Transport mehr organisieren können. Experten sprechen von einer akuten Krise mit unmittelbaren und langfristigen Folgen. Nach deren Einschätzung führen politische Entscheidungen der vergangenen Jahre direkt zu steigender vermeidbarer Sterblichkeit und Krankheitslast. Behandelbare Leiden wie Krebs oder Herz- und Lungenerkrankungen verschlimmerten sich, wenn sie nicht rechtzeitig therapiert würden – aus chronischen Erkrankungen würden tödliche Verläufe. Hinzu kommen hygienische Missstände im öffentlichen Raum. In Havanna und anderen Provinzstädten bleiben Müllberge liegen, da Treibstoff für Entsorgungsfahrzeuge fehlt. Deponien sind überfüllt, Anwohner beginnen, Abfälle selbst zu verbrennen. Die Kombination aus Hitze, Feuchtigkeit und Abfall begünstigt die Ausbreitung von Krankheitserregern. „Das System ist bereits kollabiert“ Noch drastischer formuliert es Dr. Julio César Alfonso, Gründer der in Miami ansässigen Organisation Solidaridad sin Fronteras gegenüber der US-amerikanischen Tageszeitung Miami Herald. Das kubanische Gesundheitswesen stehe nicht erst vor dem Zusammenbruch – es sei bereits kollabiert. Er verweist auf anhaltende Medikamentenknappheit, fehlende Präventionsprogramme und eine Verwaltung, die die Dimension der Krise herunterspiele. Die Regierung könne die Situation nicht allein mit dem US-Embargo erklären, argumentiert Alfonso, da dieses weder Lebensmittel noch Medikamente umfasse. Die offizielle Bewerbung von Telemedizin erscheine angesichts stundenlanger Stromausfälle wie Hohn. Ein digitales Beratungssystem ohne verlässliche Energieversorgung bleibe Theorie. Besonders alarmierend sei die Gefahr neuer Epidemien. Krankheiten wie Oropouche, Chikungunya oder Dengue könnten in den Sommermonaten verstärkt zurückkehren. In einem Umfeld mangelnder Hygiene und eingeschränkter epidemiologischer Überwachung drohe Kuba zu einem „Inkubator“ für Erreger zu werden. Appelle an internationale Organisationen Solidaridad sin Fronteras und ihre Partnerorganisation Cruz Verde Internacional haben daher internationale Institutionen eingeschaltet. Im Dezember wandten sie sich mit Briefen an Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF). Sie fordern eine medizinische Intervention, da besonders Kinder, Schwangere und ältere Menschen gefährdet seien. Dr. Taimy Alfonso, die zuvor das Programm „911 Cuba“ koordinierte, berichtet von verzweifelten Hilferufen aus der Bevölkerung. Freiwillige hatten Medikamente direkt zu Patienten gebracht, bis staatliche Stellen gegen die Helfer vorgingen und Lieferungen unterbanden. Ohne externe Unterstützung, so ihre Warnung, würden viele Menschen sterben – insbesondere jene ohne Angehörige im Ausland, die Medikamente oder Geld senden könnten. Politische Verhärtung und gesellschaftliche Folgen Während Experten vor einem „Nullpunkt“ warnen, falls nicht bald neue Treibstofflieferungen eintreffen, ruft die Regierung die Bevölkerung zum Durchhalten auf. Gleichzeitig laufen nach Medienberichte diplomatische Gespräche zwischen Vertretern der USA und kubanischen Offiziellen. Konkrete Verbesserungen für die Krankenhäuser sind bislang jedoch nicht absehbar. Die Krise trifft eine Gesellschaft, die über Jahrzehnte stolz auf ihr Gesundheitswesen war. Kuba hatte sein System international als Modell präsentiert und medizinische Missionen ins Ausland entsandt. Der jetzige Zustand markiert einen tiefen Bruch mit diesem Selbstbild. Analytisch betrachtet verdichten sich mehrere strukturelle Schwächen: die Abhängigkeit von Energieimporten, chronische Unterfinanzierung, Abwanderung medizinischen Personals sowie politische Starrheit. Das Zusammenspiel dieser Faktoren führt zu einer Situation, in der selbst elementare Versorgungsstandards nicht mehr gewährleistet sind. Sollte keine rasche Stabilisierung erfolgen, drohen nicht nur kurzfristige Todesfälle durch unterlassene Behandlungen. Auch langfristig könnte das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen weiter erodieren. Ein Gesundheitssystem, das nicht heilt, sondern auf Durchhalteparolen verweist, verliert seine legitimierende Kraft. Die warnenden Stimmen aus dem In- und Ausland eint die Sorge, dass Kuba vor einer gesundheitspolitischen Zäsur steht. Ob internationale Hilfe zugelassen oder interne Reformen eingeleitet werden, bleibt offen. Für viele Patienten jedoch ist die Zeit bereits knapp.
Quelle: Miami Herald (https://t1p.de/h53z5)
Autor: Leon Latozke
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