Neues aus Kuba
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28.09.2026 09:00 Uhr
Vier Jahre kämpfte er um eine Betriebserlaubnis, dann kam der Boom – und der Absturz: Die Geschichte von Martin Staub zeigt, wie fragil Unternehmertum unter kubanischen Bedingungen ist.
Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild: 2018 kamen noch 4,8 Millionen Touristen nach Kuba, in den ersten fünf Monaten dieses Jahres waren es gerade einmal 360.000. Rund 300.000 Arbeitsplätze im Tourismussektor sind allein in diesem Jahr verloren gegangen. Hinter diesen abstrakten Zahlen steht das ganz konkrete Schicksal von Unternehmern wie Martin Staub, der seit 2017 E-Bike-Touren durch Havanna anbietet – und dessen letzte Tour im März stattfand. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat mit ihm gesprochen und seine Geschichte als Fallbeispiel für die Lage ausländischer Unternehmer auf der Insel dokumentiert.
Ein Geschäft, das zweimal zusammenbrach
Staubs Firma Cubyke erlebte zwei fundamental unterschiedliche Phasen. In den Boomjahren 2017 und 2018, als sich Kuba und die USA unter Barack Obama einander annäherten, hatte er an Spitzentagen 74 E-Bikes gleichzeitig im Einsatz – bis zu sechs Touren parallel, darunter die beliebte „Havana Classic" zu Capitol, Revolutionsplatz und der Hemingway-Bar „Bodeguita del Medio", oder die „Deep-In"-Tour durch touristenferne Aussenviertel.
Der erste Einbruch kam bereits in Trumps erster Amtszeit: Mitte 2019 untersagten die USA ihren Bürgern Bildungsreisen nach Kuba, Kreuzfahrtschiffe durften nicht mehr anlegen. Kurz darauf folgte die Corona-Pandemie, in der Staub nahezu sein gesamtes Personal entlassen musste. Als Trump Kuba 2021 auf die Liste der terrorismusfinanzierenden Staaten setzte, kam ein zusätzliches Hindernis hinzu: Wer Kuba besucht, benötigt seither ein US-Visum – ein erheblicher Abschreckungseffekt für viele Reisende. Der zweite, noch härtere Einbruch begann im Januar dieses Jahres mit Trumps Ölembargo gegen Kuba. Die Folgen: chronische Stromausfälle, akuter Treibstoffmangel, ein wegen fehlenden Kerosins fast zum Erliegen gekommener Flugverkehr. Die meisten Hotels blieben geschlossen, nachdem die USA Sanktionen gegen das kubanische Militär und dessen Holding Gaesa verhängt hatten, über die internationale Ketten wie Meliá, Iberostar und Blue Diamond bislang Joint Ventures betrieben. Im Juni zogen sich zusätzlich Mastercard und Visa vom kubanischen Markt zurück. Auch die Fluggesellschaften Condor und Edelweiss, die bereits Mitte 2025 ihre Kubaflüge eingestellt hatten, fehlten Staub als Kundenquelle: Ihre auf Rückflüge wartenden Crews gehörten früher zu seinen Stammkunden. Der lange Weg zur Betriebserlaubnis
Bevor Staub überhaupt sein erstes Geschäftsjahr erlebte, musste er sich durch ein bürokratisches Labyrinth kämpfen. Der 65-jährige gebürtige Saarländer, der sich in den neunziger Jahren während eines Urlaubs in Kuba verliebt hatte, gab 2013 nach dreissig Jahren in der deutschen Versicherungsbranche seinen Job auf, um in Havanna durchzustarten. Fast vier Jahre dauerte es, bis er 2017 die erste Tour anbieten konnte.
Ein früher Stolperstein: Die von ihm entwickelten E-Bikes wollte er als „Comandante" importieren – eine Reverenz an Fidel Castro. Die Behörden untersagten dies, da dieser Titel exklusiv dem Revolutionsführer vorbehalten sei. Erst nach Umbenennung der Modelle erhielt Staub die Importgenehmigung. Auch für seine übrige Ausrüstung – Trailer, Mercedes-Sprinter, Jeep, zwei Motorräder – verzögerte sich die Einfuhr um weitere zwei Jahre, da Kuba damals ein staatliches Importmonopol besass. Drei Ministerien verlangten stets aktuelle Dokumente, während Staub zwischen Deutschland und Kuba pendelte und seine Container derweil im Hafen von Mariel lagen – zu Standgebühren, die sich auf mehrere tausend Dollar summierten. Leben mit staatlicher Kontrolle
Auch nach dem Start blieb Staubs Geschäft eng reguliert. Buchungen liefen zunächst ausschliesslich über staatliche Tourismusagenturen, verkaufen durfte er nur im Ausland. Als Arbeitgeber unterlag er kubanischem Arbeitsrecht: Die sieben Mitarbeiter in der Hochphase wurden über eine staatliche Agentur vermittelt, ihr Dollarlohn floss zunächst an den Staat – nur zehn Prozent kamen bei den Angestellten an. Ohne ein zusätzliches, direkt gezahltes zweites Gehalt liess sich kaum jemand zur Arbeit motivieren.
Weitere Auflagen: Ab sechs Personen pro Gruppe waren staatliche Reiseleiter Pflicht, bei Fremdsprachen wie Russisch, Chinesisch oder Französisch zusätzlich verstärkt. Die Streckenführung unterlag ebenfalls staatlicher Kontrolle – Militäranlagen und andere sensible Einrichtungen waren tabu. Und da es in Kuba keinen funktionierenden Ersatzteilhandel für Fahrräder gibt, muss Staub bis heute Schläuche, Reifen und Bremsflüssigkeit aus dem Ausland einführen lassen. Das Finanzsystem als Dauerproblem
Neben der Bürokratie erwies sich Kubas Bankensystem als chronische Belastung. Staubs Firma unterhält Konten in Dollar, Euro und Peso bei staatlichen Banken, kann aber nicht frei darüber verfügen: Eine Barabhebung würde zum offiziellen Kurs von 1:24 erfolgen müssen – ein enormer Verlust angesichts des Strassenkurses von rund 670 Pesos pro Dollar beziehungsweise 780 Pesos pro Euro. Ein im Juni von der kubanischen Regierung beschlossenes Reformpaket soll unter anderem ausländischen Banken den Marktzugang eröffnen. Ob und wann dies umgesetzt wird, bleibt allerdings offen – für Staub wäre die Präsenz internationaler Banken essenziell, um überhaupt Geschäfte machen zu können.
Der grosse Aderlass und ein Silberstreif
Seit Beginn der Pandemie haben schätzungsweise zwei Millionen der einst elf Millionen Kubaner die Insel verlassen, überproportional junge und gut ausgebildete Menschen. Diesen Braindrain im Dienstleistungssektor bezeichnet Staub als Katastrophe – der gesellschaftliche Mittelbau fehle im Alltag spürbar. Seit 2021 zugelassene private Kleinunternehmen zahlen zudem deutlich bessere Löhne als der Staat, was viele Kubaner zum Wechsel bewegt hat. Auch die Behörden selbst haben massiv Personal verloren, was zu langen Wartezeiten und wachsender Ineffizienz führt – verschärft durch die permanenten Stromausfälle.
Paradoxerweise hat genau dieser Personalmangel einen positiven Nebeneffekt: Staub beobachtet eine wachsende Laisser-faire-Haltung der Behörden. Die Pflicht zur Zusammenarbeit mit staatlichen Tourismusagenturen ist gefallen, Direktverkauf und Buchungen aus Kuba selbst über eine mittlerweile passable Internetverbindung sind möglich geworden, ebenso Touren ganz ohne staatliche Reiseleiter. Was Staub fehlt, sind schlicht die Touristen. Dennoch bleibt er optimistisch: Kubas landschaftliches Potenzial mit 5000 grösstenteils unbewohnten Inseln übertreffe das der Dominikanischen Republik bei weitem. Ein Paradies, wie er sagt – es wartet nur noch auf seine Besucher.
Quelle: NZZ (https://t1p.de/wveg9)
Autor: Leon Latozke
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