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22.07.2026 09:00 Uhr
20.000 Kubaner im russischen Krieg: Wie ein Anwerbenetz von Facebook bis an die ukrainische Front reicht.
Abbildung: Das KI-generierte Symbolbild zeigt keine reale Szene.
Kuba gehört neben Kolumbien zu den wichtigsten lateinamerikanischen Rekrutierungsquellen für Russlands Krieg gegen die Ukraine. Nach Angaben eines gemeinsamen Berichts der Internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH), der Organisation Truth Hounds und des Kasachischen Internationalen Büros für Menschenrechte sollen seit 2023 mindestens 20.000 kubanische Staatsbürger für die russischen Streitkräfte angeworben worden sein – einer der größten ausländischen Kontingente in Putins Armee überhaupt.
Das ukrainische Projekt „Ich will leben", das Angaben zu ausländischen Kämpfern sammelt, hatte bis Januar 2026 mindestens 93 tote Kubaner identifiziert. Die durchschnittliche Überlebenszeit nach dem Einsatz an der Front liegt Berichten zufolge bei nur rund 150 Tagen – fünf Monaten. Wenig später vermeldeten ukrainische Stellen bereits 52 weitere identifizierte kubanische Gefallene. Auch der russische Dienst der BBC führt Kuba unter den Herkunftsländern verifizierter ausländischer Gefallener, ohne bislang eine genaue Zahl zu nennen. Vom Facebook-Jobangebot zum Vertrag auf Russisch
Das Muster der Anwerbung ist inzwischen gut dokumentiert: Es beginnt mit vermeintlich zivilen Stellenangeboten, die vollständig auf Spanisch in sozialen Netzwerken wie Facebook kursieren – etwa als Jobs im Baugewerbe. Kubanische Mittelsmänner vermitteln den Kontakt, bevor die Kandidaten nach Russland reisen. Dort werden sie auf Militärbasen gebracht und, so die Recherche, zur Unterschrift von Verträgen gedrängt, die vollständig auf Russisch verfasst sind – eine Sprache, die die meisten Betroffenen nicht verstehen.
Bereits 2023 hatte die kubanische Regierung selbst ein solches Menschenhandelsnetzwerk öffentlich benannt: Das Außenministerium erklärte damals, man arbeite an der „Zerschlagung" eines von Russland aus operierenden Netzwerks, das kubanische Staatsbürger – auch bereits in Russland lebende – für den Kriegseinsatz in der Ukraine anwerbe. Außenminister Bruno Rodríguez betonte, Kuba stehe nicht auf der Kriegspartei und gehe „mit der Kraft des Gesetzes" gegen die Schleuser vor. Wenige Tage zuvor waren Berichte über zwei minderjährige Kubaner aufgetaucht, die unter dem Vorwand von Bauarbeiterjobs über Facebook angeworben und dann mit russischem Militär in die Ukraine verlegt worden waren. „Wir können nicht schlafen, weil wir nicht wissen, ob man uns jederzeit etwas antun kann", zitierte ein Miami-Sender damals einen der betroffenen Jugendlichen. Ein globales System mit Kuba als Schwerpunkt
Kuba ist damit Teil eines Musters, das weit über Lateinamerika hinausreicht: Seit Kriegsbeginn 2022 hat Russland laut ukrainischer Militäraufklärung Ausländer aus mehr als 130 Ländern rekrutiert. Der russische Dienst der BBC hat bislang 1.285 gefallene ausländische Kämpfer verifiziert – von Kubanern über US-Amerikaner und Chinesen bis zu Vietnamesen, Polen, Indern und Serben – sowie zusätzlich 2.304 nordkoreanische Soldaten, die im Rahmen eines offiziellen Verteidigungsabkommens entsandt wurden. Anders als bei Nordkorea handelt es sich bei den kubanischen Rekruten nicht um offen entsandte Streitkräfte, sondern um Einzelpersonen, die über Mittelsmänner und Täuschung angeworben wurden.
Finanzielle Anreize spielen dabei eine zentrale Rolle: Wer heute einen Vertrag mit Moskau unterschreibt, dem werden – je nach Region – bis zu 30.000 US-Dollar Antrittsprämie sowie ein Monatssold von rund 3.500 Dollar versprochen, Kampfprämien können auf über 72.000 Dollar steigen. Für viele Kubaner, deren Durchschnittsgehalt ein Bruchteil davon beträgt, ist allein die Aussicht, die Insel verlassen zu können, ein Motiv. „Erstens, aus Kuba rauszukommen – das will doch jeder Kubaner", zitiert eine der Studien einen kubanischen Kriegsgefangenen. Nach ukrainischen Geheimdienstangaben plant Russland, bis Ende 2026 weitere 18.500 Ausländer zu rekrutieren. Solange Havanna nicht transparent macht, was aus den eigenen Ermittlungen gegen Schleusernetzwerke geworden ist, dürfte Kuba nach Einschätzung von Beobachtern eine der wichtigsten Rekrutierungsquellen für Moskaus Ausländerarmee bleiben. Sanktionen aus London, Schweigen aus Havanna
Im Mai 2026 verhängte Großbritannien Sanktionen gegen die Kubanerin Dayana Echemendia Díaz, der vorgeworfen wird, Landsleute unter Vortäuschung falscher Tatsachen für den russischen Kriegseinsatz angeworben zu haben. Die Maßnahmen – Vermögenssperre, Einreiseverbot und finanzielle Beschränkungen – stützen sich auf ein britisches Sanktionsregime, das eigens gegen Menschenhandel im Kontext des Ukraine-Kriegs geschaffen wurde.
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf eine Frage, die Kritiker der kubanischen Regierung seit Jahren stellen: Wie viel weiß – oder duldet – Havanna? Bei einer Anhörung in Miami 2025 bezeichneten Abgeordnete und ukrainische Geheimdienstquellen es als „unmöglich", dass ein Rekrutierungsfluss dieser Größenordnung ohne stillschweigende Duldung der kubanischen Behörden stattfinden könne. Mehr als 1.000 Kubaner seien inzwischen namentlich und mit Vertragsdaten identifiziert worden, hieß es weiter – für viele der Gefallenen habe es bis heute keinerlei Entschädigung für die Angehörigen gegeben. Das US-Außenministerium äußerte im April 2026 den Verdacht, das kubanische Regime habe die Rekrutierung aktiv erleichtert oder zumindest toleriert. Das Europäische Parlament hatte bereits im Juli 2025 „die Anwerbung und den Einsatz kubanischer Soldaten" im russischen Angriffskrieg verurteilt. Havanna weist jede offizielle Beteiligung zurück. Auffällig bleibt zudem die Informationspolitik: Während Großbritannien konkrete Namen, Vorwürfe und Sanktionen veröffentlicht, ist offen, was aus den 2023 angekündigten strafrechtlichen Ermittlungen und Festnahmen in Kuba wurde – Havanna hat dazu bis heute keine Bilanz vorgelegt. Nach ukrainischen Angaben soll der politische und mediale Druck Russland inzwischen dazu bewogen haben, die Anwerbung in rund 39 Ländern einzustellen. Ob Kuba zu diesen Ländern zählt, ist unklar – und genau das nährt den Vorwurf, der Insel fehle nicht nur Transparenz, sondern der politische Wille, das Problem überhaupt anzugehen. Auch Kyjiw wirbt im Ausland – wenn auch anders
Russland ist dabei nicht die einzige Kriegspartei, die auf ausländische Kämpfer setzt. Die Ukraine unterhält seit den ersten Tagen der Invasion 2022 eine eigene Internationale Legion, die Präsident Wolodymyr Selenskyj per Aufruf an Freiwillige im Ausland ins Leben rief. Im Juni 2026 kündigte er an, die Löhne für Militärangehörige zu erhöhen und die Anwerbung im Ausland auszuweiten – die ukrainische Armee kämpft nach vier Kriegsjahren mit spürbarem Personalmangel.
Nach Angaben eines für die Koordination zuständigen Funktionärs gegenüber dem ukrainischen Medium Hromadske hatten sich bis August 2025 mehr als 8.000 ausländische Freiwillige allein den Bodentruppen angeschlossen; über alle Teilstreitkräfte hinweg schätzte er die Gesamtzahl auf mindestens 16.000 Personen aus 72 Ländern. Auch spanischsprachige Kämpfer sind darunter – die Ukraine hat inzwischen eigene Rekrutierungs- und Kommandostrukturen auf Spanisch aufgebaut, über die sich unter anderem Hunderte kolumbianische Veteranen angeschlossen haben. Ausländische Kämpfer erhalten denselben Sold wie ukrainische Soldaten: rund 2.690 US-Dollar für einen vollen Kampfmonat, plus 1.570 Dollar je 30 Tagen an der Front. Der entscheidende Unterschied zum kubanischen Fall bleibt jedoch die Freiwilligkeit: Anders als bei den mit Falschversprechen angelockten kubanischen Rekruten handelt es sich bei der Internationalen Legion um ein offiziell deklariertes, rechtlich verankertes System – Kämpfer können es nach sechs Monaten Dienst unter normalen Umständen auch wieder verlassen. In beiden Armeen bleiben ausländische Truppen dennoch eine zahlenmäßig kleine Ergänzung zu Streitkräften, die ganz überwiegend aus russischen beziehungsweise ukrainischen Staatsbürgern bestehen.
Quellen: BBC News Mundo, CiberCuba, Bloomberg Línea, Diario de Cuba, CiberCuba, CubaNet, Diario de Cuyo
Autor: Leon Latozke
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