Neues aus Kuba
Vom Paradies zum Gefängnis – Wie die Ölblockade Kubas Traum vom Tourismus der Zukunft zerstört1/6/2026
01.06.2026 08:00 Uhr
Die US-Ölblockade hat den Tourismus auf Kuba lahmgelegt. Auf der Insel Cayo Largo, einem ehemaligen Paradies für Urlauber, sitzen Hundert Mitarbeiter fest, darunter Elvis, der seine Familie seit Monaten nicht sieht.
Der Tourismus galt lange als letzte Lebensader der kubanischen Wirtschaft – doch nun steht die Branche vor dem Kollaps. Die von US-Präsident Donald Trump verhängte Ölblockade hat verheerende Auswirkungen auf den karibischen Inselstaat. Besonders drastisch zeigt sich die Krise auf Cayo Largo im Südwesten Kubas, wie jetzt der SPIEGEL in einer Reportage von der kleinen Strandinsel berichtet.
Die Idylle auf Cayo Largo gleicht demnach inzwischen einer Falle für die dort verbliebenen Mitarbeiter. Elf Urlaubsresorts, eine Marina und ein internationaler Flughafen prägen die Insel, die keine ständigen Einwohner hat. Im Normalbetrieb arbeiten knapp 2000 Kubaner dort, und kümmern sich um bis zu 3000 Touristen sowie den Ausbau der Insel, die einst als Vorzeigeprojekt für den Tourismus von morgen galt. Nach der Schließung der Hotels wurden fast alle Beschäftigten abgezogen – nur etwa hundert blieben zurück. Darunter der Sicherheitsmann Elvis, dessen Schicksal stellvertretend für viele seiner Kollegen steht. Elvis, der normalerweise drei Wochen auf der Insel arbeitet und dann eine Woche Urlaub bei seiner Familie auf der Isla de la Juventud verbringt, harrt bereits seit einem Vierteljahr auf Cayo Largo aus. Er bewacht eine verlassene Strandbar, deren Tür mit einem vergilbtem, verwittertem Papier versiegelt ist. Darauf steht: „Sellado de Seguridad“. Die ganze Insel ist mittlerweile mit diesen Sicherheitssiegeln zugepflastert und hat die Resorts zu No-go-Areas gemacht. „Ich vermisse meine Familie", zitiert der SPIEGEL Elvis. Seit Wochen kommen keine Boote mehr, landen keine Flugzeuge. Die Hotels sind geschlossen – eine Folge der US-Ölblockade, die ganz Kuba lähmt. Die Katastrophe für den Tourismus brach am 29. Januar herein, als die US-Ölblockade verhängt wurde, so der SPIEGEL. Ohne Ölimporte ist Kuba nicht überlebensfähig. Das öffentliche Leben ist weitgehend zum Erliegen gekommen, es mangelt an Sprit, Lebensmitteln und Strom. Die Uno warnte bereits vor einer humanitären Katastrophe. Die Hotelanlagen, die noch in den vergangenen Jahren als Leuchttürme des Wohlstands inmitten dunkler Städte erstrahlten, sind nun leer. Hungerte das Volk, waren die Buffets in den Resorts prall gefüllt. Doch auch das hat sich geändert, schreibt der SPIEGEL. Ohne Ölimporte ist Kuba nicht überlebensfähig. Das öffentliche Leben ist weitgehend zum Erliegen gekommen, es mangele an allem: Sprit, Lebensmittel und auch Strom. Die Uno warnt längst vor einer humanitären Katastrophe. Die wirtschaftlichen Folgen für den Tourismus sind enorm: Noch 2018 entschieden sich 4,6 Millionen Menschen für einen Urlaub auf Kuba. Durch die Coronakrise brachen die Gästezahlen stark ein, und auch nach der Pandemie blieb der erhoffte neuerliche Besucheransturm aus. 2023 kamen 2,43 Millionen Touristen auf die Insel, im vergangenen Jahr waren es noch 1,8 Millionen. Im April kamen besuchten nur noch 30.000 den Karibikstaat Wegen der wachsenden Ölknappheit reanimierte die Regierung am 6. Februar das Notfallprogramm „Opcion Cero“ - Viele Hotels mussten schließen, um Strom, Wasser und vor allem Diesel für die Generatoren zu sparen. Zigtausende Mitarbeiter in der Hotellerie verloren über Nacht ihre Jobs. Nur drei Tage später folgte der nächste Schlag: Die kubanische Luftfahrtbehörde verkündete, dass landesweit kein Kerosin mehr an ausländische Fluggesellschaften abgegeben werden könne. Viele Airlines stellten daraufhin ihren Flugbetrieb ein. Seitdem rät auch das Auswärtige Amt in Berlin dringend von Reisen nach Kuba ab. Cayo Largo sollte das kubanische Konzept einer heilen Welt sein – ökologisch wertvoll, touristisch effizient und geografisch so isoliert, dass die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Festlandes die Touristen nicht erreichten. Die Insel verfügt über eine autarke Strom- und Wasserversorgung, die wenigen Autos fahren elektrisch, große Solarfelder sind geplant. Allerdings muss alles – von der Butter bis zum Diesel für die Generatoren – per Schiff oder Flugzeug importiert werden. Mit einer totalen Ölblockade hatten die Planer offensichtlich nicht gerechnet, wie der Bericht anmerkt. Besonders belastend ist die Situation für die verbliebenen Mitarbeiter. Sie versuchen, die Anlagen vor dem Verfall zu bewahren, kümmern sich um die Infrastruktur und sorgen für Sicherheit. Der Tower des Flughafens bleibt weiterhin besetzt, ebenso sind Feuerwehr und Zoll noch im Einsatz. Auch der Arzt kommt jeden Morgen in die kleine Klinik, obwohl es dort seit Langem an Medikamenten fehlt. Ein Küchenteam kümmert sich um die Versorgung der verbliebenen Menschen, obwohl frische Lebensmittel bereits seit Wochen nicht mehr verfügbar sind. Der Speiseplan ist eintönig: Zum Frühstück gibt es täglich Brötchen mit Marmelade, mittags Pasta und am Abend Reis mit einem Stück Fleisch. Auch die Versorgung mit Strom und Wasser ist eingeschränkt. Die Generatoren laufen lediglich am Abend – von 19.30 Uhr bis Mitternacht –, sodass nur in diesem Zeitfenster Elektrizität und eine begrenzte Wasserversorgung zur Verfügung stehen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus ist für Kuba kaum zu überschätzen, betont der SPIEGEL. Nach Angaben des Tourismusministeriums arbeiten etwa eine halbe Million Bürger direkt in der Branche – 150.000 von ihnen als Staatsangestellte in den großen Hotels, bei Reiseveranstaltern und im Transportwesen, weitere 350.000 im privaten Sektor als Betreiber von Privatunterkünften oder Restaurants, als Fahrer der beliebten Oldtimer oder Reiseführer. Indirekt kommen wohl noch einmal 500.000 Menschen dazu. Damit hängen in dem Karibikstaat mit etwa zehn Millionen Einwohnern die Arbeitsplätze von nahezu einer Million Menschen direkt oder indirekt von den Einnahmen aus dem Tourismus ab, so der SPIEGEL. Die Insel Cayo Largo war in den vergangenen Jahren als Paradies für wohlhabende Touristen ausgebaut worden. Die Insel gilt mit ihren Meeresschildkröten, Krokodilen und einem intakten Riff bei Tauchern als eines der besten Reviere in der Karibik. Für Fliegenfischer ist die flache Lagune ein Paradies. Der Ort zieht vermögende Unternehmer aus Kanada, den USA und den Ländern der Arabischen Halbinsel an, die oftmals mit dem Privatjet anreisen. Die Insel war einst das Ergebnis einer perfekten Symbiose mit dem kanadischen Reisekonzern Sunwing, schreibt der SPIEGEL. 2022 wurde das Hotelmanagement an die kanadische Kette Blue Diamond Resorts übertragen, eine Tochter der Sunwing Vacations Group, die wiederum zu Kanadas zweitgrößter Fluggesellschaft WestJet gehört. Mit den konzerneigenen Fliegern kamen nicht nur Touristen, sondern auch ein Großteil der Versorgung. "Die Regierung bat uns, ein Hotel zu übernehmen, und wir schlugen vor: ‚Warum nicht die ganze Destination?‘ So kam es dazu", zitiert der SPIEGEL Eric Rodriguez, Vice President für Partnerschaftsentwicklung bei Sunwing. "Wenn das jemand zum Laufen bringen kann, dann wir", sagte Rodriguez selbstbewusst. " Er sollte sich täuschen, wie der SPIEGEL anmerkt – Fragen zu der gegenwärtigen Situation ließ das Unternehmen unbeantwortet. Elvis, so das Porträt des SPIEGELs, erträgt sein Schicksal mit einem Lächeln, wie viele Kubaner. "Ich will mich nicht beklagen", sagt er. An seinen freien Tagen werde er zu den Unterkünften der Angestellten gebracht. Dann habe er die Möglichkeit, sein Handy aufzuladen, um wenigstens ab und zu mit seiner Familie zu telefonieren. Ansonsten sitze er einsam vor der kleinen Strandbar, wo noch vor wenigen Wochen Touristen tanzten. Sein Essen teilt er mit den beiden Hundewelpen. "Sie sind jetzt seine einzige Familie", schließt der Bericht. Die Insel Cayo Largo, einst das Symbol für den Traum vom Tourismus der Zukunft, ist zum Symbol für den Kollaps eines Landes geworden, das von der Außenwelt abgeschnitten ist – ein Paradies, in das niemand mehr reist.
Quelle: SPIEGEL (https://t1p.de/qa19y)
Autor: Leon Latozke
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