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Seit dem 19. Jahrhundert begleitet eine einzigartige Stimme die Arbeit in Kubas Zigarrenfabriken: der lector de tabaquería. Was als Bildungsinitiative begann, entwickelte sich zu einer kulturellen und politischen Institution von nationaler Bedeutung.
21.01.2026 07:10 Uhr
Abbildung: Havana - cigar factory reader von Harris Brothers, Havana (publisher), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Kaum ein anderer Industriezweig Kubas verbindet Handwerk, Politik und Kultur so eng wie die Tabakproduktion. Mitten im monotonen Rhythmus der Zigarrendreher entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert eine Institution, die bis heute als Ausdruck kubanischer Identität gilt: der lector de tabaquería, der Vorleser in den Zigarrenfabriken. Seine Geschichte erzählt nicht nur vom Tabak, sondern von Bildung, Emanzipation und politischem Widerstand.
Die Wurzeln dieser Tradition reichen weit zurück – bis in die vorspanische Zeit. Für die Taíno, die indigenen Bewohner Kubas, war Tabak eine heilige Pflanze. Sie nutzten ihn rituell, um mit Göttern und Ahnen zu kommunizieren. Der Rauch der cohiba galt als Medium zwischen den Welten, eingesetzt bei Heilungen, Zeremonien und Weissagungen. Spanische Chronisten wie Bartolomé de las Casas beschrieben detailliert diese Rituale. Selbst Christoph Kolumbus registrierte 1492 erstaunt, wie Einheimische mit brennenden Tabakrollen – „yerbas para tomar sus sahumerios“ – durch die Dörfer zogen. Die historische Tragweite dieser Pflanze erkannte er jedoch nicht; sie „verwehte vor seinen Augen im Rauch“, wie der Historiker Salvador de Madariaga später anmerkte. Der Sprung vom sakralen Rauch zur politischen Bildung vollzog sich im 19. Jahrhundert. 1865 trat in der Havannaer Zigarrenfabrik El Fígaro erstmals ein Vorleser auf, der während der Arbeit aus Zeitungen und Büchern las. Die Initiative ging auf den liberalen Juristen Nicolás de Azcárate zurück, der die geistige Bildung der Arbeiter fördern wollte. Rasch verbreitete sich das Modell: Innerhalb weniger Monate entstanden über tausend Vorleserstellen, meist von den Arbeitern selbst gewählt und bezahlt. Die Reaktionen der kolonialen Obrigkeit ließen nicht lange auf sich warten. Spanische Behörden und Fabrikbesitzer beargwöhnten die neue Praxis. Lesen, so die Sorge, fördere Unruhe und politisches Bewusstsein. Tatsächlich hörten die Zigarrendreher nicht nur harmlose Romane, sondern Werke von Zola, Hugo, Balzac oder Cervantes – und zunehmend auch Texte mit sozialkritischem und antikolonialem Gehalt. Kubanische Autoren wie Carlos Loveira erfreuten sich besonderer Beliebtheit. Literarische Figuren wie der Graf von Monte Christo oder Romeo und Julia wurden so populär, dass sie später berühmten Zigarrenmarken ihre Namen gaben. Mehrfach wurde die Lesung verboten. 1866 bereits untersagt, tauchte sie 1880 wieder auf, wurde während des Unabhängigkeitskrieges erneut unterdrückt und erst danach dauerhaft etabliert. Der spanische Generalkapitän Francisco Lersundi begründete ein Verbot 1886 damit, dass die Lesungen Disziplinlosigkeit förderten. In Wahrheit fürchtete man die Verbreitung separatistischer Ideen. Der Vorleser war zur Stimme eines sich politisierenden Proletariats geworden. Diese Stimme hallte auch jenseits der Insel. In Tampa und Key West, wo viele kubanische Tabakarbeiter im Exil arbeiteten, wurden die Lesepulte zu Tribünen des Patriotismus. José Martí, der Vordenker der Unabhängigkeit, sprach dort zu den Arbeitern – und wurde mit dem rhythmischen Klopfen der chavetas, der Zigarrenmesser, beklatscht. Dieses Geräusch, bis heute üblich, ersetzte den Applaus: ein kurzer Schlag auf den Arbeitstisch, ohne die Arbeit zu unterbrechen. Auch im 20. Jahrhundert blieb der Lektor politisch relevant. 1953 wurde in der traditionsreichen Fabrik Partagás heimlich Fidel Castros Verteidigungsrede „La historia me absolverá“ vorgelesen. Der Vorleser geriet ins Visier der Geheimpolizei, entging jedoch schweren Konsequenzen. Die Episode zeigt, welche Sprengkraft das gesprochene Wort in den Fabriken hatte. Nach dem Sieg der Revolution 1959 wurden die Lektoren offiziell angestellt, mit festem Gehalt und klar geregelten Lesezeiten. Die Finanzierung durch die Arbeiter entfiel, die Institution wurde staatlich anerkannt. Gleichzeitig blieb sie ein Ort informeller Bildung. Viele Zigarrendreher hatten keine Schulbildung, eigneten sich jedoch durch jahrelanges Zuhören ein beeindruckendes Wissen an. Legendär ist die Geschichte des „Conde“ aus der Fabrik Romeo y Julieta: elegant gekleidet, belesen, respektiert – und doch Analphabet. Erst die Alphabetisierungskampagne von 1961 ermöglichte ihm, schreiben zu lernen. Sein Wissen hatte er ausschließlich über die Lesungen erworben. Heute gibt es in Kuba über 200 aktive Lektoren. Sie lesen Klassiker, zeitgenössische Literatur, Zeitungen und politische Texte. Die Auswahl erfolgt weiterhin demokratisch durch die Belegschaft. Manche Werke werden auf Wunsch immer wieder gelesen, bis sie fast auswendig bekannt sind. Für Historiker und Kulturwissenschaftler ist die lectura de tabaquería ein Schlüssel zum Verständnis der kubanischen Arbeiterbewegung: Sie trug maßgeblich dazu bei, dass Zigarrendreher zu den politisch bewusstesten Arbeitern des Landes zählten. Der kubanische Nationale Denkmalsrat hat den Vorleser der Zigarrenfabriken als einzigartiges kulturelles Phänomen anerkannt. Kuba strebt an, diese Praxis in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufnehmen zu lassen. Damit würde eine Tradition gewürdigt, die aus dem Rauch des Tabaks eine öffentliche Schule gemacht hat – und aus monotoner Handarbeit einen Raum für Literatur, Politik und kollektives Denken.
Quelle: Telesur (https://t1p.de/0xj09)
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