Neues aus Kuba
Aktuelle Nachrichten und Meldungen, Analysen und Hintergrundinformationen
|
Kuba steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seit den 1990er-Jahren – mit gravierenden sozialen Folgen. Während die staatlichen Unterstützungsleistungen für viele Menschen nicht mehr ausreicht, um ihre Grundbedürfnisse zu decken, nimmt Zahl der sichtbar Armen und Obdachlosen zu.
25.07.2025
![]()
Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, zwingt die anhaltende Wirtschaftskrise in Kuba zunehmend Menschen dazu, auf der Straße um Essen zu bitten. Der Beitrag zeichnet ein eindrückliches Bild wachsender sozialer Not in einem Land, das sich lange als egalitär verstand, aber aktuell mit der schwersten ökonomischen Krise seit Jahrzehnten konfrontiert ist.
Beispielhaft schildert AFP das Schicksal des 62-jährigen William Abel. Nachdem sein Haus außerhalb von Havanna vor zwei Jahren eingestürzt war – eine Folge des verbreiteten Verfalls der Bausubstanz –, lebt er auf der Straße. Seitdem durchwühlt er Mülltonnen nach Essbarem: Abfall mit Reis, verdorbenem Gemüse und fleischlosen Knochen. Der gesundheitlich angeschlagene Mann leidet unter Arthritis, Bluthochdruck und einer Lebererkrankung – ohne Zugang zu notwendigen Medikamenten. „Essen ist das Schwierigste“, zitiert ihn AFP. Seine Situation ist kein Einzelfall, sondern Teil eines sichtbar zunehmenden Phänomens. Nach Einschätzung von Expertinnen und Experten erlebt Kuba derzeit die schwerste ökonomische Krise seit den 1990er-Jahren. Verantwortlich gemacht werden neben den langjährigen US-Sanktionen auch strukturelle Schwächen des zentral gelenkten Wirtschaftssystems sowie der Einbruch des Tourismussektors infolge der COVID-19-Pandemie. Die staatlichen Mittel reichen laut Bericht kaum noch aus, um elementare Sozialleistungen wie kostenlose Gesundheitsversorgung oder subventionierte Grundnahrungsmittel aufrechtzuerhalten. Besonders stark wirken sich die Preissteigerungen im Lebensmittelsektor aus. Nach Angaben von AFP sind diese in den vergangenen Jahren um bis zu 500 Prozent gestiegen. Viele Kubanerinnen und Kubaner sind dadurch in existentielle Not geraten. Zwar existieren offizielle Hilfsprogramme: Laut Regierung erhalten rund 189.000 Familien und etwa 350.000 Einzelpersonen staatliche Unterstützung. In der Realität reicht diese jedoch oft nicht aus. Der 63-jährige Juan De La Cruz etwa berichtet, seit zwei Wochen zu betteln. Er sitzt auf einem Gehweg in einem belebten Stadtteil Havannas – vor sich ein Stück Karton mit der Aufschrift: „Bitte, etwas zu essen.“ Der ehemalige Krankenpfleger verlor vor vier Jahren ein Bein durch Diabetes. Die staatliche Unterstützung beläuft sich auf umgerechnet weniger als drei US-Dollar pro Monat – zu wenig für einen Kilo Hühnerfleisch, wie De La Cruz gegenüber AFP angibt. Zwar besitzt er ein kleines Zimmer, doch es sei „leer, leer, leer.“ Politisch brisant wurde die Thematik, als Arbeits- und Sozialministerin Marta Elena Feito Anfang Juli erklärte, es gebe in Kuba „keine Bettler“. Die Aussage löste in der Öffentlichkeit – und schließlich auch innerhalb der Regierung – heftige Kritik aus. Präsident Miguel Díaz-Canel wies die Bemerkung öffentlich zurück und sprach von einem „Mangel an Sensibilität“. Bettler seien eine „konkrete Erscheinung sozialer Ungleichheit“, erklärte er vor dem Parlament. Premierminister Manuel Marrero sprach von einem „echten Problem“, das angegangen werden müsse. Tatsächlich fehlen verlässliche offizielle Daten zur Armutsentwicklung in Kuba. Der Begriff „Armut“ wird in der öffentlichen Kommunikation vermieden; stattdessen ist von „vulnerablen Bevölkerungsgruppen“ die Rede. Unabhängige Schätzungen zeichnen ein anderes Bild: Die kubanische Soziologin Mayra Espina Prieto etwa geht davon aus, dass zwischen 40 und 45 Prozent der Bevölkerung in Armut leben. Die UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF berichtete im vergangenen Jahr, dass etwa jedes zehnte Kind in Kuba unter „extremer Ernährungsarmut“ leidet. Diese Gruppe von Kindern ernährt sich demnach von lediglich einer oder zwei Nahrungsgruppen pro Tag – in manchen Fällen sogar noch weniger. Ein weiteres Beispiel ist der 65-jährige Arnaldo Victores, der früher als Physiotherapeut arbeitete. Heute lebt er in einem Motorradschuppen in einem Vorort von Havanna – ohne feste Adresse und damit ohne Anspruch auf staatliche Unterstützung. Aufgrund einer Sehbehinderung ist er auf Hilfe angewiesen. Täglich fährt er ins Zentrum der Hauptstadt, um dort zu betteln. Sein Wunsch: „Ein kleines Zimmer mit Bad.“ Direkt gegenüber seiner Bettelstelle ragt ein neu gebautes 42-stöckiges Hotel in den Himmel – das höchste Gebäude Havannas. Für viele Kubaner wird es zum Symbol verfehlter Prioritäten. Der AFP-Bericht zeigt, dass sich die soziale Lage in Kuba zunehmend zuspitzt. Sichtbare Armut, wachsende Obdachlosigkeit und steigende Lebensmittelpreise stellen das Selbstbild des sozialistischen Staates auf die Probe. Die Regierung betont ihre Bemühungen zur sozialen Absicherung – doch die Realität auf den Straßen Havannas vermittelt ein anderes Bild.
Quelle: AFP (https://t1p.de/jvk50)
Anzeige (G2)
|
|
Letzte Meldungen
Text: Leon Latozke
Anzeige (G1)
(adsbygoogle = window.adsbygoogle || []).push({});
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
|
|
| Anzeige (G3) |