Neues aus Kuba
|
27.04.2025 09:00 Uhr
Der Diebstahl von Isolieröl aus Stromtransformatoren wird in Kuba als nationale Sicherheitsfrage behandelt. Die Regierung droht mit bis zu 30 Jahren Haft. Das teure Öl wird auf dem Schwarzmarkt als Treibstoff verkauft. Die Plünderungen führen zu gefährlichen Überhitzungen der Transformatoren, Stromausfällen und sogar Todesfällen – wie kürzlich in Santiago de Cuba.
In den informellen Kanälen der kubanischen Hauptstadt kursieren derzeit Angebote, die aufhorchen lassen: „Ich habe 100 Liter Transformatorenöl, besser als Benzin“ – so lautet eine Anzeige in einer Facebook-Gruppe, die mit Benzinhandel in Verbindung steht. Der Preis pro Liter wird mit umgerechnet 1.700 Kubanischen Pesos angegeben, ein Betrag, der für die meisten Menschen auf der Insel unerschwinglich ist. Doch dieses Angebot ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch für ein Problem, das die Regierung in Havanna mittlerweile als Bedrohung der nationalen Sicherheit einstuft.
Das Spezialöl, das in Transformatoren als Kühl- und Isoliermittel dient, ist in den Fokus von Kriminellen geraten. Die Täter nutzen die häufigen Stromausfälle des nationalen Elektrizitätssystems (SEN) aus, um in unbeaufsichtigten Umspannwerken zuzuschlagen. Mit Kanistern, Schläuchen und manchmal sogar von Tieren gezogenen Karren nähern sie sich den Anlagen, zapfen das Öl ab und hinterlassen beschädigte Transformatoren. Die Folgen sind verheerend: Ohne das spezielle Öl überhitzen die Geräte, es kommt zu Kurzschlüssen und Bränden, die ganze Stadtteile stunden- oder tagelang von der Stromversorgung abschneiden. Premierminister Manuel Marrero Cruz hat das Problem in einer Sitzung zur Sicherheitslage auf die oberste Ebene gehoben. Er forderte „harte Hand“ gegen die Täter und verwies auf die Notwendigkeit schärferer administrativer Sanktionen. Das Oberste Volksgericht zog bereits im Mai 2025 mit einer richtungsweisenden Entscheidung nach und legt festgelegt, dass Angriffe auf Stromerzeugungsanlagen, Photovoltaikparks, Telekommunikationsinfrastruktur und öffentliche Verkehrsmittel als Sabotage zu werten seien. Nach Artikel 125 des Strafgesetzbuches drohen dafür sieben bis fünfzehn Jahre Haft, bei erschwerenden Umständen sogar zehn bis dreißig Jahre. Doch die Kriminalstatistik spricht eine andere Sprache. Das kubanische Innenministerium meldete allein im Jahr 2025 die Beschlagnahmung von über 400.000 Litern Kraftstoff in Aktionen gegen Treibstoffdiebstähle. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Die sozialen Auswirkungen sind verheerend, wie mehrere Vorfälle aus jüngster Zeit zeigen. In der Gemeinde Songo-La Maya in der Provinz Santiago de Cuba versuchten zwei Brüder, Öl aus einem Transformator zu stehlen, der die Wasserpumpen der Siedlung versorgte. Die Operation endete in einer Explosion: Einer der Männer starb, der andere erlitt schwere Verbrennungen. Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft fand 70 Liter des gestohlenen Öls rund hundert Meter vom Unglücksort entfernt. Der Kurzschluss legte eine 33-kV-Leitung lahm, von der die Gemeinden Songo-La Maya und Segundo Frente abhängig sind. Nicht weniger dramatisch war der Fall in San Luis, ebenfalls in Santiago de Cuba. Während einer planmäßigen Abschaltung des SEN entwendeten Diebe rund 300 Liter Öl aus einem 4-MVA-Transformator in der Umspannstation Paquito Rosales. Die Folge war ein Stromausfall, der etwa 17.000 Menschen in den Gemeinden San Luis, Dos Caminos und mehreren Bezirken von Estrella Roja betraf. Nach Angaben von Elektrizitätsmanagern, die von der offiziellen Presse zitiert wurden, kann ein solcher Transformator auf dem internationalen Markt zwischen vier und fünf Millionen Dollar kosten. Die Zahlen aus anderen Provinzen sind ebenso alarmierend: In Ciego de Ávila wurden im Jahr 2025 41 Straftaten registriert, bei denen 84 Transformatoren beschädigt und 14.440 Liter Öl gestohlen wurden. In Amancio, Las Tunas, führte der Diebstahl von 600 Litern aus zwei Transformatoren im April dieses Jahres dazu, dass fast 5.000 Kunden – rund 40 Prozent des Gemeindegebiets – ohne Strom blieben. Das lokale Poliklinik, die Telefongesellschaft Etecsa und die Wasserpumpen fielen aus. In Jatibonico, Sancti Spíritus, wurden drei Männer auf frischer Tat in der Umspannstation der stillgelegten Zuckerfabrik Uruguay ertappt; bei einem von ihnen wurden 120 Liter Öl beschlagnahmt. Die Justiz leitete Verfahren wegen Sabotage ein. Die Motive der Täter sind vielfältig, aber im Kern einfach: Es geht um Geld und ums Überleben. In Kuba herrscht chronischer Mangel an Treibstoff, Schmiermitteln und Ersatzteilen. Das Diebesgut wird illegal als Schmiermittel verkauft oder als Ersatz für Diesel in Traktoren und anderen landwirtschaftlichen Geräten verwendet. Ein Liter bringt auf dem Schwarzmarkt zwischen 1.000 und 1.700 Pesos, ein Betrag, der für viele Kubaner mehrere Monatslöhne entspricht. Wer 120 Liter erbeutet, hat praktisch sein Jahreseinkommen gesichert. Doch der Preis, den die Gesellschaft zahlt, ist ungleich höher. Neben den wirtschaftlichen Schäden und den Stromausfällen gibt es auch Berichte über den Einsatz des Öls in der Lebensmittelproduktion. Das santiagoyer Medium Radio Mambí berichtete im März: „Dieses hochspezialisierte und teure Öl wird skrupellos sogar für den menschlichen Verzehr verwendet, was eine ernste Gefahr für Gesundheit und Leben darstellt.“ Die chemischen Bestandteile des Isolieröls sind für den menschlichen Organismus giftig und können schwere Vergiftungen verursachen. Die offizielle Antwort der Regierung ist konsequent: Sie setzt auf Strafverschärfung und Repression. Doch Kritiker weisen darauf hin, dass das Problem nicht allein durch härtere Gesetze zu lösen ist. Die Frage bleibt, warum die Anlagen weiterhin so ungeschützt sind, warum ein technisches Produkt zu einer Überlebensware auf dem Schwarzmarkt werden kann, und warum der Staat so viel Energie in die Verfolgung von Oppositionsstimmen und Social-Media-Beiträgen steckt, während er es nicht schafft, zu verhindern, dass ein ganzes Dorf ohne Strom bleibt. Die Kriminalisierung des Problems verdeckt die strukturellen Schwächen eines Systems, das weder die Energieversorgung sicherstellen noch die Korruption in den eigenen Reihen eindämmen kann. Bis das gelingt, werden die nächtlichen Diebstähle an den Transformatoren weitergehen – ein stiller, gefährlicher Kampf um das letzte bisschen Energie, das die Insel noch zusammenhält.
Quelle: 14ymedio (https://t1p.de/pik3m)
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
RSS-Feed