Neues aus Kuba
|
29.07.2026 08:00 Uhr
![]()
Depression, Angst, Erschöpfung: Kubas Blackouts hinterlassen tiefe Spuren in der Psyche der Bevölkerung. Eine neue Untersuchung zeigt alarmierende Werte.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: YouTube. Rechte beim Uploadenden.
Es ist ein Bild, das den Alltag auf der Insel längst prägt: Familien, die bei Kerzenlicht zu Abend essen, Nachbarn, die im Schein ihrer Handys Domino spielen, Geschäfte, die mit Öllampen weiterarbeiten. Was in vielen Ländern Lateinamerikas eine seltene Ausnahme ist, ist in Kuba zur bitteren Normalität geworden: Stromausfälle, die nicht Stunden, sondern Tage dauern. Seit 2024 steckt das Land in einer tiefen Energiekrise. In Havanna vergehen mittlerweile mehr als 20 Stunden am Stück ohne Elektrizität, im Rest des Landes sind es teils über 48 Stunden. Und diese Dauerausfälle hinterlassen Spuren – nicht nur an Kühlschränken und Lichtschaltern, sondern in den Köpfen der Menschen.
Eine neue Untersuchung zeigt nun, wie tief diese Spuren reichen. Der kubanische Psychologe Yunier Broche-Pérez, Direktor des Prisma Behavioral Center in Florida, hat gemeinsam mit seiner Kollegin Zoylen Fernández-Fleites die psychischen Folgen der Blackouts untersucht. Sein Befund: Die Energiekrise ist längst kein rein technisches oder wirtschaftliches Problem mehr, sondern ein handfestes Gesundheitsrisiko. Ein Alltag im Ausnahmezustand
Was bedeutet es konkret, wenn der Strom nicht für Stunden, sondern für Tage ausfällt? Broche-Pérez beschreibt es gegenüber der Deutschen Welle (DW) so: Die Ausfälle greifen in praktisch jeden Lebensbereich ein – in die Zubereitung und Haltbarkeit von Lebensmitteln, in Schlaf, Arbeit, Schulunterricht, Kommunikation, in die Pflege von Kindern, alten oder kranken Menschen. Kurz: in die Möglichkeit, überhaupt noch eine stabile Routine aufrechtzuerhalten.
Die kubanische Gesellschaft, so der Psychologe, habe sich gezwungenermaßen in einen Zustand permanenter Anpassung begeben. Menschen verschieben Aktivitäten, kochen, wann immer Strom verfügbar ist, laden ihre Handys in kurzen Zeitfenstern auf und verschieben Schlaf-, Arbeits- und Lernzeiten. Diese ständige Umorganisation koste Zeit, körperliche Ressourcen – und psychische Energie. „Es geht nicht einfach darum, sich daran zu gewöhnen", betont Broche-Pérez. Ein wiederkehrender, unvorhersehbarer Ausfall der Grundversorgung führe zu kumulativer Erschöpfung und einem wachsenden Gefühl von Kontrollverlust. Alarmierende Zahlen aus der Studie
Für ihre Untersuchung befragten Broche-Pérez und Fernández-Fleites 415 erwachsene Kubanerinnen und Kubaner. Die Ergebnisse sind erschreckend deutlich: 55,4 Prozent der Befragten zeigten Symptome, die im Bereich einer extrem schweren Depression eingestuft wurden. Bei Angstsymptomen lag der Anteil bei 66 Prozent, bei Stresssymptomen bei 65,8 Prozent. Genannt wurden unter anderem Nervosität, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen sowie ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Broche-Pérez weist allerdings darauf hin, dass die Studie keine monokausale Erklärung liefert: Die Stromausfälle lassen sich nicht als alleinige Ursache dieser Symptome belegen, und die Zahlen lassen sich nicht ohne Weiteres auf die gesamte kubanische Bevölkerung übertragen. Dennoch zeichnet sich ein klares Muster ab – und ein Faktor sticht dabei besonders hervor: die Unvorhersehbarkeit. Wer nicht weiß, wann der Strom ausfällt, wie lange der Ausfall dauert und ob eine wichtige Aufgabe überhaupt noch erledigt werden kann, gerät nach Einschätzung des Psychologen in einen Dauerzustand von Wachsamkeit und Anspannung. Genau das, so seine Schlussfolgerung, mache die Energiekrise zu einem Fall für die öffentliche Gesundheit – nicht nur für Ingenieure und Wirtschaftsplaner. Kein rein kubanisches Phänomen
Kuba ist dabei ein besonders extremes, aber keineswegs das einzige Beispiel in der Region. Schwache Stromnetze, mangelnde Wartung und die Folgen von Naturkatastrophen sorgen auch in Venezuela, Puerto Rico und der Dominikanischen Republik immer wieder für lange, wiederkehrende Stromausfälle.
Auch Ecuador erlebte 2024 eine schwere Energiekrise, mit den heftigsten Ausfällen zwischen September und Dezember. Die Neuropsychologin Vanessa Triviño Burbano von der Universidad Politécnica Salesiana in Guayaquil berichtet von täglichen Abschaltungen in verschiedenen Landesteilen, die bis zu 14 Stunden am Stück dauerten. Auslöser war eine anhaltende Dürre, die die niedrigen Pegelstände der Stauseen offenbarte – und damit die strukturelle Abhängigkeit des Landes von Wasserkraft. Triviño und ihre Kolleginnen und Kollegen beobachteten psychische Symptome, die denen aus der kubanischen Studie stark ähneln. Auch wirtschaftlich hinterließen die Ausfälle in Ecuador tiefe Spuren: Viele Betriebe verzeichneten Umsatzeinbußen und mussten gleichzeitig in Generatoren investieren, um überhaupt weiterarbeiten zu können. Für Triviño offenbarten die Blackouts dabei auch soziale Ungleichheit – schließlich konnten sich längst nicht alle Familien oder Betriebe Generatoren, Batteriespeicher oder alternative Energiequellen leisten. Nächte ohne Licht, Wege ohne Verkehr
Besonders die Nächte verschärfen die Lage zusätzlich, berichten beide Fachleute unabhängig voneinander. Fehlende Belüftung in tropischer Hitze, nächtlicher Lärm wach gebliebener Nachbarn, Mücken, Dunkelheit und die Ungewissheit, wann der Strom zurückkehrt – all das erschwert den Schlaf und verstärkt das Gefühl von Unsicherheit. Triviño berichtet zudem von einem Anstieg der nächtlichen Kriminalität während der ecuadorianischen Krise.
Auch der Verkehr leidet unter den Ausfällen. Wenn öffentliche Systeme zusammenbrechen, weichen viele Menschen auf private Autos oder informelle Transportdienste aus, sofern sie es sich leisten können. Andere greifen auf elektrische Dreiräder oder Fahrräder für kürzere Strecken zurück – oder legen den Weg schlicht zu Fuß zurück, wie Broche-Pérez beschreibt. Routinen und Nachbarschaftshilfe als Auffangnetz
Um die psychischen Folgen abzufedern, rät Broche-Pérez dazu, so weit wie möglich an grundlegenden Routinen festzuhalten: an festen Zeiten für Schlaf, Ernährung, Flüssigkeitszufuhr und Erholung. Hilfreich könne es sein, für die Tage ohne Strom eine eigene, alternative Tagesstruktur zu entwickeln.
Eine besondere Rolle sieht der Psychologe zudem in funktionierenden Nachbarschaftsnetzwerken – etwa um Informationen und Ressourcen zu teilen, Orte mit eigener Stromversorgung für Medikamente oder das Aufladen von Geräten bereitzustellen, verletzliche Haushalte gezielt zu unterstützen und transparent über die Lage zu kommunizieren. Am Ende aber warnt Broche-Pérez davor, individuelle Bewältigungsstrategien mit einer tatsächlichen Lösung zu verwechseln. Sie könnten die institutionelle Verantwortung, eine stabile Stromversorgung sicherzustellen, nicht ersetzen. Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: Man dürfe die Verantwortung für die dauerhafte Anpassung an eine strukturelle Krise nicht einfach auf die Familien abwälzen – auf jene, die diese Krise gar nicht lösen können.
Quelle: Research Gate (https://t1p.de/hd8c0), DW (https://t1p.de/oroaj)
Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
Dossiers
Mediathek
Anzeige (M2) Anzeige (G4) Achiv
Archiv
August 2026
|


RSS-Feed