Neues aus Kuba
"Wir brauchen Wandel, aber nicht durch Erpressung": Kubas berühmtester Autor spricht Klartext12/4/2026
12.04.2026 10:00 Uhr
Energiekrise, Inflation und US-Sanktionen belasten Kuba stark. Während die Regierung vorsichtige Reformen für Auslandsinvestoren ankündigt, vertieft sich die soziale Ungleichheit im Land. Der kubanische Autor Leonardo Padura betont, dass echter Wandel aus der Gesellschaft selbst kommen muss, nicht durch externen Druck.
Abbildung: Leonardo Padura São Paulo 2017, von Fronteiras do Pensamento Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 2.0
In einem Beitrag für die spanische Tageszeitung EL PAÍS beschäftigt sich der kubanische Schriftsteller und Chronist Leonardo Padura mit der schwersten wirtschaftlichen und soziale Krise der jüngeren Geschichte seiner Heimat. In seinem Artikel, der tiefe Einblicke in die komplexe Gemengelage der Insel gewährt, beschreibt Padura eine Nation, die von einer „Policrisis“ heimgesucht wird: Ein energischer US-amerikanischer Druck, verkörpert durch die Politik der „máxima presión“ unter Donald Trump und dessen jüngste Androhungen, Kuba „einzunehmen“, trifft auf eine innerkubanische Realität von chronischen Stromausfällen, galoppierender Inflation, zerfallender Infrastruktur und einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft.
Laut Paduras Analyse ist die aktuelle Krise jedoch nicht allein auf die von außen auferlegte Blockade zurückzuführen. Sie befinde sich vielmehr auf einer kritischen Gefällelinie, die sich seit Jahren aufgebaut habe. Er verweist auf die wirtschaftlichen Reformen unter Raúl Castro, die unter dem Motto „sin pausa pero sin prisa“ (ohne Pause, aber ohne Eile) zwar „ungebührliche Gratisleistungen“ abschafften, aber auch das einst homogene soziale Gefüge aufbrachen und wirtschaftliche Unterschiede vertieften. Die kurzzeitige Entspannung unter Barack Obama habe keine grundlegenden Kurskorrekturen der kubanischen Führung bewirkt, und die Pandemie traf die vom Tourismus abhängige Wirtschaft ins Mark. Die verheerende Währungsreform, die „tarea ordenamiento“, die zu einem massiven Wertverlust des Peso und explodierenden Preisen führte, habe die Lage der Bevölkerung zusätzlich verschärft. Ein zentraler Unterschied zur tiefen Krise der 1990er Jahre, dem „Periodo Especial“, liege, wie Padura betont, in der sozialen Dimension. Damals seien die Entbehrungen horizontal, also von fast allen gleichermaßen getragen worden. Heute hingegen verhalte sich die Krise vertikal: „Viele sind am Boden, aber ein sichtbarer Sektor hat sich bereichert“, während er gleichzeitig mit den Mängeln operiere, die der Staat nicht beheben könne. Diese wachsende Ungleichheit unterminiere den sozialen Zusammenhalt. Unter diesem immensen äußeren Druck und angesichts „innerer Gärung“ beginne die kubanische Führung nun, vorsichtig Schritte zu setzen, auch wenn dies, wie Padura schreibt, „unter einem Damoklesschwert“ geschehe. Eine der jüngsten und bedeutendsten Maßnahmen sei die Öffnung für ausländische Investitionen und insbesondere die Erlaubnis für emigrierte Kubaner, nahezu jede Art von Geschäft auf der Insel zu eröffnen – inklusive produktiver Sektoren, Infrastruktur und Bankwesen. Diese Entscheidung, so analysiert der Autor, scheine jedoch die im Land lebenden Kubaner zu benachteiligen, deren unternehmerische Möglichkeiten vorerst auf Klein- und Mittelbetriebe beschränkt blieben. Es wirke, „als ob angenommen würde, dass die hier Lebenden so arm sind, dass sie nicht einmal eine Schuhladen eröffnen könnten“, oder als solle die Maßnahme lediglich eine „öffnende Haltung“ demonstrieren. Die Glaubwürdigkeit dieser Reformbemühungen werde jedoch, wie Padura weiter ausführt, durch mangelndes Vertrauen untergraben. Potenzielle Investoren seien angesichts eines Staates, der „die Spielregeln nach Belieben ändert und seine Schulden oft wenig oder schlecht bezahlt“, äußerst vorsichtig. Die kubanische Regierung wiederum beharre auf ihren Prinzipien – Souveränität und Erhalt des politischen Systems – und habe erst nach wochenlanger Leugnung zugestanden, überhaupt Gespräche mit US-Vertretern zu führen, deren Inhalt jedoch im Dunkeln bleibe. Inmitten dieser hochpolitischen und ökonomischen Großwetterlage zeichnet Padura ein eindrückliches Bild des kubanischen Alltags. Er beschreibt eine Szene vor seiner Haustür: die Besitzer der elektrischen Motorroller, die inzwischen den öffentlichen Transport dominieren, machen Pause an einer privaten Cafetería. „Mit Strom oder ohne Strom“, sie hören über selbst installierte Lautsprecher lautstark aktuellen Reggaeton – Bad Bunny oder Bebeshito. Dieses Bild stehe symbolisch für eine widersprüchliche Realität: „Es gibt eine Krise, das ist wahr, viele Probleme, das ist die Wahrheit, aber im Moment ist es auch wahr, dass wir Bad Bunny und Bebeshito haben. Und natürlich eine große Lust zu leben.“ Doch diese Lebenslust, so die Kernbotschaft des Artikels, könne die tiefe Ermüdung und Verzweiflung nicht überdecken. Padura bringt die Stimmung vieler seiner Landsleute auf den Punkt, wenn er schreibt: „Das Unbestreitbare ist, dass Kuba sich ändern muss, aber es sollte nicht sein, weil exogene Kräfte es erwürgen, sondern weil wir Kubaner, verarmt, überdrüssig, hoffnungslos, diese Veränderung in vielerlei Hinsicht brauchen.“ Besorgniserregend sei, dass es bereits Menschen gebe, die Veränderung „um jeden Preis“ herbeisehnten, unabhängig davon, woher der Anstoß komme. Paduras Fazit ist somit ambivalent. Einerseits sieht er unter Druck verkündete Reformen, die schon längst hätten umgesetzt werden können. Andererseits konstatiert er eine gefährliche Dynamik, in der äußerer Erpressungsdruck und innere soziale Sprengkraft zusammenkommen, während die politische Führung zwischen zaghaften Öffnungssignalen und ideologischem Beharrungsvermögen laviert. Die Frage, was in Kuba geschehen wird, bleibt auch für den scharfsichtigen Beobachter Padura unbeantwortbar – die Bandbreite der Szenarien reiche, wie er einräumt, „davon, dass sich etwas ändert, damit alles so bleibt, wie es ist, bis hin zu irgendeiner Art von militärischer Operation mit unvorhersehbaren Konsequenzen“. Die Zukunft der Insel, so der Tenor des Berichts, wird im Spannungsfeld zwischen dem Drängen der Straße, dem Kalkül der Machthaber und den geopolitischen Ambitionen Washingtons entschieden.
Quelle: EFE (https://t1p.de/urfgs)
Autor: Leon Latozke
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