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Kuba steht vor seiner schlimmsten Krise, die durch die Sanktionen des Weißen Hauses gegen die Ölversorgung einer Insel, die am Rande des Überlebens steht, noch verschärft wird.
08.02.2026 09:50 Uhr
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oKuba steht am Beginn seiner schwersten wirtschaftlichen Krise seit Jahrzehnten. Dreißig Jahre nach der „Sonderperiode in Friedenszeiten“ der 1990er-Jahre rückt die einst theoretische „Opción Cero“ – ein Plan für den Extremfall völliger Versorgungsausfälle – erneut in den Blick. Damals hatte die Regierung unter Fidel Castro für den Fall eines abrupten Wegfalls der sowjetischen Unterstützung drastische Maßnahmen vorgesehen: strikte Rationierung, Einschränkungen des öffentlichen Nahverkehrs und vorübergehende Schließungen von Schulen und Universitäten. Diese Extremmaßnahmen mussten seinerzeit glücklicherweise nie umgesetzt werden. Heute jedoch rückt dieses Szenario angesichts der anhaltenden Sanktionen der USA und der nahezu vollständigen Blockade kubanischer Treibstofflieferungen alarmierend nah.
Präsident Miguel Díaz-Canel hat die Bevölkerung aufgefordert, „Kreativität“ und „Anstrengung“ zu zeigen, während er gleichzeitig bestätigte, dass Kuba Gespräche mit Washington führt. Diese Gespräche befinden sich noch nicht auf der Ebene formeller Verhandlungen, doch der kubanische Außenminister Carlos Fernández de Cossio sprach kürzlich von einem „Austausch von Nachrichten auf höchster Ebene“. Die kubanische Regierung zeigte sich überraschend offen für eine Wiederaufnahme der bilateralen Kooperation, unter anderem in den Bereichen Terrorismusbekämpfung, Prävention von Geldwäsche, Drogenhandel, Cyberkriminalität, Menschenhandel und Finanzdelikte. Historisch betrachtet sind diese Signale ungewöhnlich. Rafael Rojas, Historiker am Colegio de México, bezeichnet gegenüber EL PAÌS die Ausrichtung Kubas auf Ziele der US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie als bemerkenswert. Während frühere Verhandlungen, etwa während der Balsero-Krise 1994 unter Präsident Bill Clinton, vor allem auf die Kontrolle der Migration abzielten, zielen die aktuellen Gespräche offenbar auf ein umfassenderes Interesse Washingtons: die politische Stabilisierung Kubas, um einen massiven Exodus zu verhindern und eine Intervention zu vermeiden. Die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung ist dramatisch. Fast eine Million Menschen haben in den letzten fünf Jahren die Insel verlassen – etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Innerhalb Kubas sind die Auswirkungen unmittelbar spürbar: Rentner und ältere Bürger können sich grundlegende Lebensmittel kaum noch leisten. Ältere Kubaner kehren nach der Pensionierung wieder in den Arbeitsmarkt zurück, während Überweisungen von Angehörigen aus dem Ausland nur einen kleinen Teil des Bedarfs decken. Die neuen Maßnahmen der Regierung, darunter erweiterte Rationierungen, verschärfen diese Situation zusätzlich. Die wirtschaftliche Krise wird durch den Ausfall zentraler Lieferanten verschärft. Seit Dezember erhält Kuba keine Treibstofflieferungen mehr. Die bisherigen Hauptpartner – Venezuela, Russland und China – spielen derzeit nur eine untergeordnete Rolle. Mexiko gehört zu den wenigen verbliebenen Partnern. Präsidentin Claudia Sheinbaum hat angekündigt, Hilfslieferungen wie Lebensmittel zu senden und prüft, inwieweit Treibstofflieferungen möglich sind, ohne US-Sanktionen zu riskieren. Historisch folgt Mexiko damit einer Linie, die auf politischer Nähe zu Kuba basiert, ohne die Beziehungen zu Washington zu gefährden. Die kubanische Regierung nutzt angesichts der internationalen Isolation und des wirtschaftlichen Drucks eine Rhetorik der Opferrolle. Begriffe wie „Genozid“ werden im Zusammenhang mit den US-Sanktionen verwendet, um Druck auf Washington zu verdeutlichen und internationale Aufmerksamkeit zu gewinnen. Analysen gehen davon aus, dass dies auch dazu dient, die eigene Legitimation zu stärken und internationale Solidarität zu mobilisieren, während die Bevölkerung unter den realen Härten leidet. Ökonomen innerhalb Kubas fordern Reformen, darunter mehr Marktöffnung und Förderung ausländischer Investitionen. Die unter der Obama-Regierung begonnenen wirtschaftlichen Lockerungen wurden unter Trump und infolge der Pandemie weitgehend gestoppt. Das Regime steht nun unter dem doppelten Druck: Die Bevölkerung ist am Limit, während Washington versucht, über wirtschaftliche Mittel politischen Einfluss zu gewinnen. Die kommenden Monate werden entscheidend sein, um zu beobachten, ob die kubanische Führung Zugeständnisse machen wird, etwa in Form einer schrittweisen politischen Öffnung oder humanitären Maßnahmen, oder ob das Land weiter in eine tiefe, langanhaltende Krise driftet. Die „Opción Cero“, einst nur theoretisch, erscheint heute als reale Möglichkeit, die das Überleben des Regimes und das tägliche Leben der Kubaner gleichermaßen bedroht.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/4qngp)
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