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05.07.2026 10:00 Uhr
In Kuba herrscht akuter Wohnungsmangel: 800.000 fehlende Wohnungen, viele Gebäude vom Einsturz bedroht. Die Regierung startet ein ambitioniertes Projekt: Container werden zu Häusern umfunktioniert.
In den Straßen Havannas, wo einst Prachtbauten aus der Kolonialzeit das Stadtbild prägten, zeugen bröckelnde Fassaden, einstürzende Mauern und notdürftig geflickte Dächer vom extremen Verfall des Wohnungsbestandes. Wer durch die Viertel Centro Habana oder La Habana Vieja geht, sieht Gebäude, die seit über einem Jahrhundert stehen, nun aber kurz vor dem Kollaps stehen – und in denen dennoch Familien leben. Die kubanische Regierung hat angekündigt, auf die massive Wohnungsnot mit einem ungewöhnlichen Projekt zu reagieren: Ausgediente Schiffscontainer sollen zu Wohnhäusern umgebaut werden. Ein Blick hinter die Fassaden einer Gesellschaft, die um ihre Wohnraumversorgung kämpft.
Das offizielle Defizit an Wohnungen auf der sozialistischen Karibikinsel liegt bei über 800.000 Einheiten. Eine Zahl, die in den letzten Jahren durch extreme Wetterereignisse und die anhaltende Wirtschaftskrise weiter gestiegen ist. Seit rund zwei Jahren befindet sich Kuba in einer tiefgreifenden Energiekrise, die durch das ab Januar verschärfte US-Embargo auf Öllieferungen noch einmal drastisch verschlimmert wurde. Die staatliche Wirtschaft ist nahezu lahmgelegt. Die Folge: Die für Bau und Instandhaltung nötigen Materialien sind kaum noch zu beschaffen, und die Versorgung der Bevölkerung mit grundlegenden Gütern wird immer prekärer. Die ältesten Bewohner leiden am meisten unter dieser Entwicklung. Rolando Din ist 82 Jahre alt. Er lebt auf der Straße, genauer gesagt: auf einem Trümmerhaufen an der Ecke von Perseverancia und San Lázaro in Centro Habana. Nachdem sein altes Zuhause eingestürzt war, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich unter einem notdürftigen Dach aus Müll und Plastikplanen einzurichten. Der Staat hatte zuvor bereits Teile des angrenzenden Gebäudes abgerissen. „Ich lebe hier, schlafe hier, und meine hygienische Situation ist die eines Obdachlosen", sagt Din bitter gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur EFE. Seine Worte sind geprägt von Verzweiflung. Er ernährt sich vom Sammeln von Müll und kocht auf improvisierten Öfen aus Ziegeln und Brennholz. Auf die Frage nach der Reaktion des Staates auf sein Schicksal zuckt Din resigniert die Achseln. „Die einzige Antwort, die sie mir geben können, ist: Wir warten, bis du im Friedhof liegst. Dann geben wir dir ein Zimmer." Wenige Straßen weiter erlebt Vilma Rosa de la Cruz ein ähnliches Martyrium. Die 75-Jährige ist aus gesundheitlichen Gründen frühverrentet und lebt von Sozialhilfe. Ihr Haus in der Altstadt, an der Ecke von Sol und Monserrate, droht jeden Moment einzustürzen. „Du versuchst zu schlafen, aber du kannst nicht, weil du die Steine fallen hörst", sagt sie. Seit eine benachbarte Wand kürzlich eingebrochen ist, seien ihre Nerven völlig zerrüttet. Sie warte nun auf eine Inspektion durch die Behörde des Stadt-Historikers von Alt-Havanna, die seit den 1990er Jahren für die Restaurierung der Altstadt zuständig ist. „Wenn die nicht kommen, gehe ich einfach weg", sagt sie. Wohin, weiß sie nicht. Angesichts dieser desolaten Lage präsentierte die kubanische Regierung im März einen teils als „ehrgeizig" bezeichneten Plan: Über 3.500 ausrangierte Überseecontainer aus Metall sollen in verschiedenen Provinzen des Landes in Wohnraum umgewandelt werden. Auf der Insel, auf der die Temperaturen regelmäßig über 30 Grad Celsius steigen, sind die ersten dieser Containerhäuser bereits aufgestellt. Im wohlhabenderen Stadtteil Plaza wurden zwei Exemplare übergeben. Sie sind mit Wärmedämmung ausgestattet, um die extreme Hitze abzumildern, und bestehen aus zwei Schlafzimmern, einem kombinierten Wohn-Ess-Küchenbereich und einem Bad. In Marianao am Rande der Hauptstadt entsteht derzeit eine ganze Siedlung mit rund 80 dieser Notunterkünfte. Der Architekt und ehemalige Professor an der Technischen Universität Havanna, Abel Tablada, hält diese Lösung vor dem Hintergrund der Krise grundsätzlich für tragfähig. „Angesichts der Tatsache, dass die Baustoffindustrie wie die gesamte Industrie des Landes nahezu zum Erliegen gekommen ist, ist dies ein pragmatischer Weg", sagt er zu EFE. Allerdings warnt er eindringlich davor, diesen Ansatz als alleiniges und dauerhaftes Wohnungsbauprogramm zu betrachten. „Die Nachfrage ist einfach zu immens." Zudem attestiert der Experte den Containern eine gemischte Bilanz in puncto Widerstandsfähigkeit: Zwar seien sie von Natur aus stabil und hielten selbst starken Winden stand, wenn sie als Frachtbehälter genutzt werden. „Wenn sie aber zu Wohnungen umgebaut werden, wird ihre Struktur durch Türen, Fenster und die Installation von Sonnenschutz, doppelten Dächern oder Wassertanks geschwächt", erläutert Tablada. Ob die Containerhäuser den verheerenden Hurrikans der Karibik langfristig standhalten, bleibt fraglich. Die Behörden haben sich bislang nicht klar dazu geäußert, ob die Container eine temporäre oder eine dauerhafte Lösung darstellen sollen. Tablada rechnet jedoch realistisch damit, dass die ärmsten Empfänger dieser Behausungen – jene, die sich nie wieder eine eigene Wohnung kaufen können – für mehr als fünf Jahre in den Blechkisten leben werden. „Es gibt keine wirkliche Alternative für sie", so der Architekt. Während die Regierung die Containerhäuser als Teil eines nationalen Wohnungsbauprogramms propagiert, offenbart ein Gang durch die Nebenstraßen Havannas die wahre Dimension der Krise: eine alternde Bevölkerung, die in den Trümmern der Vergangenheit ausharrt, während der Staat mit einer Notlösung aufwartet, die nur einen Bruchteil des Problems lösen kann.
Quelle: EFE (https://t1p.de/p42ss)
Autor: Leon Latozke
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